An der Art, wie sie über ihn lästern, merkt man, dass sie Angst vor ihm haben. Ihr Lachen ist ein bisschen zu laut, und ihre Kommentare sind ein bisschen zu selbstgefällig. Aber so sehr die konservativen Vatikanberichterstatter auch den Kopf schütteln über das neueste Reiseziel des Papstes, es hilft ihnen nichts. Der oberste Katholik will die Protestanten besuchen, also mussten in Rom alle um vier Uhr aufstehen und sitzen nun im Flugzeug. "Ich hatte heute früh schon einen Haufen hates auf Twitter", sagt einer der amerikanischen Vatikanisten vorwurfsvoll, während er seinen Laptop aufklappt, "die Leute wollen nicht, dass der Papst nach Lund fliegt!"

Tut er aber. Am Nachmittag wird er in Schweden eine Erzbischöfin umarmen. Dann predigt er die "Revolution der Zärtlichkeit". Aber am Ende der Reise beantwortet er die bohrende Reformfrage nach der Frauenordination abschlägig: Nein, die einzuführen sei nicht geplant, man sei eben katholisch. Seine konservativen Kritiker sind trotzdem unzufrieden.

So ist das nun mal mit den neuen Chefs: Sie bleiben ewig unbeliebt bei denen, die vor ihnen da waren und alles beim Alten lassen wollen. Jorge Mario Bergoglio war 2013 angetreten, seine Kirche zu erneuern. Nach dreieinhalb Jahren nun gilt der Papst noch immer als neu, denn er ist unberechenbar. Er reist gern in diplomatisch schwierige Länder wie Armenien, hält sich nicht an vorgedruckte Redemanuskripte, reformiert den einen zu wenig und den anderen zu viel.

Nun also Schweden: Der Lutherische Weltbund lud ins kleine Lund ein, wo er 1947 gegründet wurde, und der zuständige päpstliche Sekretär für die Einheit der Kirchen, Kardinal Kurt Koch, sagte zu. Es ist ein historisches Ereignis, eine Versöhnungsgeste am Vorabend des Reformationsjubiläums: gemeinsamer Gottesdienst in Lund plus ökumenisches "Event" im Stadion von Malmö. Und dieser Franziskus lässt sich auch vom Staatssekretariat des Heiligen Stuhls nicht vorschreiben, wen er umarmt.

Deshalb haben sie Angst vor ihm. Deshalb lieben sie ihn. Es ist zehn Uhr, das Flugzeug hält Kurs auf Malmö, da kommt der Papst aus dem vorderen Teil der Maschine nach hinten zu den Journalisten. Sagt: Buongiorno, Danke für Ihre Begleitung, dies ist eine wichtige Reise. Dann macht er sich auf, jedem Vatikanisten die Hand zu schütteln. Er pflegt diese Gewohnheit seit seiner ersten Reise, und doch springen die Journalisten hektisch auf, zücken Handys, winken mit selbst geschriebenen Büchern. Er begrüßt die altgedienten Italiener (viele Fans) ebenso wie die bissigen Amerikaner (viele Gegner), die Franzosen wie die Spanier, den Mann vom ZDF, die Frau von der ZEIT und natürlich die Schweden, die nur dieses eine Mal dabei sind.

Alle wollen ein Handyvideo mit ihm – auch die, die sonst wollen, dass der Papst Distanz wahrt zur Welt. Die hastigen Fragen der Journalisten beantwortet er aber nicht, lächelt nur, nickt, dafür bleibt er länger bei der Crew stehen. Die Stewardessen von Alitalia tragen ihre schönsten dunkelroten Kostüme.

Deutsche Nachrichtenagenturen vermelden derweil süffisant, der Papst überfliege nun schon zum dritten Mal Deutschland! Das ist ein kleiner Rippenstoß für den Vatikan und erst recht für die Evangelische Kirche in Deutschland, die das Reformationsjubiläum betont ökumenisch feiern will, als "Christusfest". Doch Luthers alter Lieblingsfeind, der Papst, wurde von den Protestanten noch nicht offiziell eingeladen. So ist die Lage am Montag. Es heißt, der Vatikan habe der EKD bedeutet, lieber erst Lund abzuwarten.

Wo liegt Lund? Eine knappe Busstunde vom Flughafen Malmö, schwedische Provinz inmitten nasser Wiesen und herbstlicher Bäume. Das Städtchen besteht hauptsächlich aus einer doppeltürmigen Sandsteinkathedrale und einem roten Backsteinbau, in dem die Königsfamilie gelegentlich residiert. Davor stehen nun im Nieselregen ein paar Hundert wetterfeste Protestanten mit Hüten und Mützen. Als die römischen Kardinäle eintreffen, merkt man ihnen die Verunsicherung an. So schlicht geht es sonst bei Papstreisen nicht zu. Sie bewegen sich erst unbeholfen, aber der Kardinal Koch fasst sich ein Herz und schüttelt Hände, der schwedische Bischof Anders Arborelius kommt hinzu, und die Wartenden danken es ihnen mit Gesang. Klingt im Freien kläglich, aber kommt von Herzen. Sogar der gestrenge Zeremoniar Guido Marini, der bei den Messen im Vatikan immer so sauertöpfisch schaut, wirkt erfreut.