Ein Randproblem? Ein Minderheitenphänomen? Gewiss nicht. Wer heute zum Therapeuten geht, ist damit in bester Gesellschaft und kann ruhigen Herzens den Blick schweifen lassen, auf der Straße, im Restaurant, in der Oper, im Bus: Jede zweite Frau, jeden dritten Mann trifft es einmal im Leben – ihre Seele wird krank. Mal vorübergehend, mal wiederkehrend, mal chronisch. Sie erleben Angstzustände, Traurigkeit bis hin zu völliger Lähmung, Zwangsgedanken, Schmerzen und vernichtenden Selbsthass. Und ihr Elend ist ihnen nur selten anzusehen.

Was ist zu tun, wenn Krieg herrscht im Kopf? Wenn der ganze Körper schreit, aber nichts zu hören ist und nichts zu finden mit all den medizinischen Messgeräten? In Deutschland stehen ambulant 28.000 Psychotherapeuten bereit für derartige Notlagen: In keinem Land der Welt ist die Versorgung mit Psychotherapie so gut wie hier, sie wird von den gesetzlichen Kassen meist umstandslos bezahlt. Eine Million Menschen sind pro Jahr in Behandlung, 1,5 Milliarden Euro lässt sich die Solidargemeinschaft allein die Therapie außerhalb der Kliniken kosten. Doch ist dieses Geld gut investiert, hilft das Sprechen wirklich? Und falls ja, wem hilft es und warum? Was geschieht in den Sitzungen bei den Seelenspezialisten, und in welcher Verfassung beenden die Patienten nach Monaten ihre Therapie?

Die junge Disziplin der Psychotherapieforschung hat zu diesen Fragen viel Erhellendes und Überraschendes hervorgebracht. Erfreuliches für die Patienten – und Selbstkritisches hinsichtlich der Therapien. "Während wir bei der Neuentwicklung von Arzneien gegen psychische Krankheiten auf der Stelle treten, gab es bei der Psychotherapie in den letzten zwanzig Jahren einen enormen Wissenszuwachs", sagt Martin Keck, Klinikdirektor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Die Aufmerksamkeit der Mediziner, Psychologen und Neurobiologen für das Thema scheint angebracht.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Denn: Am teuersten kommt es den Patienten und die Gesellschaft zu stehen, wenn psychische Leiden gar nicht oder falsch behandelt werden. Das errechnete jüngst das britische National Institute for Health and Care Excellence (Nice). Und das gilt auch für Deutschland. "Die Kosten für Arbeitsausfallzeiten, für Präsentismus, also Anwesenheit bei der Arbeit, obwohl man psychisch krank ist, und Frühverrentung sind extrem hoch", sagt Martin Bohus, Wissenschaftlicher Direktor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Man kann sich ausmalen, was das bedeutet: Nach jüngsten Daten leiden allein neun Prozent der erwachsenen Deutschen binnen eines Jahres an einer Depression.

Michael Schieder, 59, war einer dieser zutiefst Schwermütigen. Und er fand keine Worte dafür, jahrzehntelang. Schieder heißt eigentlich anders, um seiner beiden Töchter willen möchte er nicht unter echtem Namen erscheinen. Er war geschäftsführender Gesellschafter eines mittelständischen Unternehmens im Schwarzwald, erfolgreich, große Villa, Helicopter-Skiing in Kanada. Sein Firmenpartner, der technische Kopf der Firma, aber war ein Tyrann. In drei Jahren verschliss er zehn Betriebsleiter, machte alle um sich herum nieder und behandelte auch Schieder so abfällig, dass der irgendwann selber glaubte, er sei nichts wert. Mit seiner Frau konnte Schieder nicht reden, die wollte mit der Firma nichts zu tun haben. Den wortkargen, melancholischen Vater, der ebenfalls im Geschäft war, wollte er nicht belasten. Und so schwieg er.

Alle zwei Wochen fuhr Schieder mit seinem Sechszylinder zur Firmenniederlassung im Erzgebirge. Morgens 600 Kilometer hin, abends 600 Kilometer zurück, Tempo 240. Dann flog er nur so über die Autobahn und dachte: "Wenn jetzt ein Lkw ausschert, ist es vorbei." Sein Leben war ihm nichts mehr wert, er fühlte sich überflüssig und sehnte das Ende herbei. Er hielt nach dicken Bäumen Ausschau, gegen die er fahren, nach Felsvorsprüngen, über die er rasen könnte. Dabei versuchte Schieder es sogar einmal mit einer Psychotherapie, aber vergeblich. Erst nach zwölf Jahren Hölle, in denen er sich in allerhand unwirksame Behandlungen begeben hatte, fand er Hilfe in der Freiburger Universitätsklinik. Heute geht es Schieder recht gut – trotz Krankheit, trotz mittlerweile eingetretener Privatinsolvenz und Ehescheidung. Die Töchter und die vier, bald fünf Enkel sind sein Ein und Alles. Heute weiß Schieder sich zu helfen. Heute will er leben. So lange wie möglich.