Wem gehört das Schnitzel? Diese Frage beschäftigt Europa oder jedenfalls die EU. Gemeint ist nicht das konkrete Schnitzel, das Gastronom X gerade für 50 Cent im Großmarkt erwirbt, um es für 12 Euro als Schnitzel Wiener Art zu verkaufen. Gemeint ist, um mit Kant zu sprechen, das Schnitzel an sich.

Bei naiver Betrachtung könnte man meinen, es gehöre dem Schwein. Doch selbst wenn man so weit geht, ein Schwein als Eigentümer seines Fleischs anzuerkennen, so verfügt es doch nicht über Schnitzel. Diese entstehen erst, wenn man sie aus seinem Körper schnitzelt, also schneidet, sie sind Leistung des Metzgers, wie immer man diese Wertschöpfung moralisch bewerten will.

In diesem Licht erscheint es verständlich, dass der Deutsche Fleischerverband sich hilfesuchend an die Politik wendet. Seine Mitglieder fürchten, dass man ihnen ihr Schnitzel entreißen möchte. Tückischerweise kommt der Angriff ausgerechnet von denen, die gar kein Fleisch essen. Genauer: von den Kräften, die ihnen zuarbeiten.

Bedrängte Metzger

Die Metzger sehen sich bedrängt von Seitan-, Sellerie- und Sojaschnitzeln, Grünkern-Buletten und Hühnerei-Rapsöl-Mortadella. Von Lebensmitteln also, die entwickelt wurden, um auf dem Teller den Platz des Fleischs einzunehmen. Die ersten von ihnen taten wenig mehr, als die Form des Originals anzudeuten und seinen Namen zu borgen. Doch seit fünf Millionen Deutsche vegetarisch oder vegan leben, steigen Lebensmittelkonzerne in den früheren Nischenmarkt ein. Und sie scheuen keinen Aufwand an Forschung und Chemie, um Waren herzustellen, die ihren Vorbildern zum Verwechseln ähneln. Der Wursthersteller Rügenwalder Mühle bietet schon eine ganze Palette an.

Diese Ähnlichkeit macht den Fleischern zu schaffen. In einem Aufruf zeigen sie ein flockig paniertes Gebilde. Ganz recht, hier ist Vorsicht geboten. "Nur weil es wie ein Schnitzel aussieht, muss es noch lange keines sein", erklärt der Verbandsexperte Wolfgang Lutz. Das rührt an die Urangst des Menschen vor Fremdkörpern im Fleisch.

Prompt reagiert die Politik. Für den niedersächsischen Christdemokraten Frank Oesterhelweg sind die falschen Schnitzel ein Fall von "Verbrauchertäuschung". Selbst er, der Verbraucherschutzsprecher, wäre fast darauf hereingefallen, als er im Supermarkt zu einem Geflügelsalat griff, der gar kein Geflügel enthielt. Alarmiert verfasste er einen Gesetzentwurf, der die Niedersachsen vor solchen Machenschaften bewahren soll. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt denkt da noch größer. Er setzt sich bei der EU-Kommission für eine unmissverständliche Kennzeichnung der Fleischersatzwaren ein.

Beide Männer sind dem Fleisch zugetan. Oesterhelweg lädt gern zu Schlachtfesten ein; Schmidt krönte vor Kurzem die Fränkische Bratwurstkönigin. Man darf vermuten, dass die zwei bei ihrem Vorstoß auch an die Hersteller denken. Denen geht es nämlich nicht gut. Die deutschen Schweinezüchter bekommen heute weniger Geld für ihr Vieh als noch vor zwanzig Jahren. Und das wird sich nicht bessern, wenn ihre größten Kunden einen Teil des Bedarfs als Fleischersatz selbst erzeugen.

Kein Wunder also, dass die Fleischer ihr Schnitzel nicht teilen mögen. Wolfgang Lutz fordert für die Imitate einen neutralen Namen, so etwas wie "Bratstück". Wenn das mal nicht nach hinten losgeht. Es hat ja seine Gründe, dass die Fleischpreise sinken. Dem Schweinekotelett wurde der Geschmack so gründlich weggezüchtet, dass eine Nachahmung leichtfällt. Und dann all die Skandale. Immer weniger Kunden denken an gute Ernährung, wenn auf der Packung "Schnitzel" oder "Frikadelle" steht. Die Fleischlobby sollte sich freuen, dass ausgerechnet Vegetarier diese Begriffe in Ehren halten.

Wenn es so weitergeht, werden bald die Fleischhersteller neutrale Namen für ihre Erzeugnisse brauchen. Und die Eiscremelobby wird nach Brüssel ziehen, damit Fettknochen nicht länger als Eisbein verkauft werden dürfen.

Eine Igitt-Geschichte der Nachkriegszeit handelt von einem Wirt, der vor Gericht steht. Gäste wollen von seinen Buletten eine Fleischvergiftung bekommen haben. Der Wirt wird freigesprochen: Er kann beweisen, dass seine Buletten gar kein Fleisch enthalten.

In ein paar Jahren wird keiner mehr wissen, was daran lustig sein soll.