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Kann die SPD noch leidenschaftlich sein? In Großbritannien schaffte es der faltige Jeremy Corbyn, als Labour-Chef zum Star einer neuen linken Generation zu werden; bei den US-Vorwahlen bejubelten Tausende junge Amerikaner den Demokraten Bernie Sanders, wenn er über seine Ideen für eine gerechtere Welt sprach. Beiden gelang, was der Partei von Sigmar Gabriel schon lange nicht mehr geglückt ist: Politik mit Emotionen zu verbinden, mit Herzensthemen und Begeisterung.

In der SPD haben sie Corbyn und Sanders zunächst etwas ratlos zugeschaut. Nun aber glaubt die Parteispitze, selbst ein leidenschaftliches Thema gefunden zu haben: Wie halten wir’s mit Russland? Diese Frage soll den Wahlkampf 2017 prägen. Wegen Syrien. Wegen der Ukraine. Wegen der zunehmenden Angst vieler Deutscher, die Krisen an Europas Rändern könnten sich ins Zentrum des Kontinents verlagern. Ein Drittel der Deutschen fürchtet einer aktuellen Umfrage zufolge einen Krieg mit Russland.

Auch deshalb wollen sich die Sozialdemokraten im kommenden Wahlkampf – das ist in der SPD-Spitze verabredet – als "Friedenspartei" präsentieren. Und das heißt: Nein zu neuen Sanktionen gegen Russland, Nein zu einer verschärften Konfrontation mit Wladimir Putin, Ja zu weiteren Gesprächen. Damit will man sich von Angela Merkel und der CDU abgrenzen. Dass die SPD mit dieser Strategie auch Putin-freundliche Wutbürger von links wie rechts ansprechen dürfte, ist Teil des Plans. Nur erwischen lassen wollen sich die Sozialdemokraten dabei nicht.

Die Testphase, um herauszufinden, welcher Russland-Tonfall den Genossen passt, hat längst begonnen: Vor einigen Wochen fanden alle SPD-Mitglieder eine Mail des Parteivorstands in ihren Postfächern, Betreff: "Dialog statt Wettrüsten". Als Absender grüßten "Dein Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier", am Ende ihres Textes baten die beiden die Mitglieder um ihre Meinung. Zuvor verurteilten der SPD-Chef und sein Außenminister zwar die "völkerrechtswidrige Krim-Annexion", verteilten die Kritik zwischen Moskau und dem Westen aber erstaunlich gleichmäßig: "Der alte Geist der Blockkonfrontation scheint wiedererwacht", schrieben sie. "Alte, tot geglaubte Feindbilder werden geschürt – leider auf beiden Seiten." Auch die Schlussformel der Mitgliedermail klang so, als sortiere man schon das Vokabular für 2017. Die Spitzengenossen erinnerten an die Ostpolitik unter SPD-Kanzler Willy Brandt. Keine andere Partei habe sich in ähnlicher Form für das deutsch-russische Verhältnis eingesetzt, schrieben die beiden. Dafür sei die SPD oft verleumdet worden. Aber: "Wir haben uns damals nicht von unserem Weg abbringen lassen und werden das auch heute nicht tun." Ein Satz wie aus dem Baukasten für sozialdemokratische Wahlkampfreden.

Tatsächlich sieht man in der SPD-Spitze vor allem die verführerischen Seiten eines freundlicheren Umgangs mit Russland. Wir können Frieden, die anderen nicht: Nichts motiviere die Parteimitglieder im Wahlkampf mehr als diese Überzeugung, heißt es. Auch die Parteigeschichte spricht aus Sicht führender Sozialdemokraten für eine verständnisvollere Russlandpolitik: Den Stammwählern ließe sie sich als Verlängerung von Willy Brandts Ostpolitik verkaufen. Und werde die unverdrossene Bereitschaft zum Dialog mit Putins Russland im Augenblick nicht vor allem einem SPD-Mann angerechnet – Außenminister Steinmeier? Man müsse das Ganze nur wahlkampfgerecht zuspitzen, heißt es in der Partei.

An der Basis könnte diese Strategie gut ankommen – was an einem unschönen Phänomen liegt, über das man in der Bundes-SPD zwar bestens Bescheid weiß, es aber nur ungern erwähnt: Viele SPD-Mitglieder pflegen einen ausgeprägten Antiamerikanismus, eine größere Nähe zu Moskau ist für sie kein Bruch, sondern Bestätigung des politischen Weltbildes. In diesem Punkt unterscheiden sich manche Sozialdemokraten kaum von Anhängern der AfD oder der Linkspartei.

"Eine neue Entspannungspolitik, die sich mit dem Frieden in Europa beschäftigt, sollte zu unseren fünf großen Wahlkampfthemen gehören", sagt Parteivize Ralf Stegner. Er spricht aus, was im Willy-Brandt-Haus schon länger gedacht und geplant wird – doch womit sich außer ihm niemand namentlich zitieren lassen will.

Dabei haben die Parteistrategen längst diskutiert, wie genau die russische Frage zu einer Debatte über Frieden und Abrüstung in Europa zugespitzt werden könnte: so wie vor dem Irakkrieg. Gemeint ist Gerhard Schröders Antikriegskampagne 2002, als der Kanzler den bevorstehenden Einzug der Amerikaner im Irak zu seinem prägenden Wahlkampfthema machte. Damals, so schwärmen einige Parteistrategen noch heute, habe sich der ganze Frust über die miserable Lage der Regierung, die trostlose Suche nach den Hoffnungsthemen der Partei, in der Frage von Krieg und Frieden aufgelöst. "Der Irakkrieg ist das beste Beispiel dafür, dass die SPD richtig stand, wenn sie sich als Friedenspartei positioniert hat", sagt Stegner.