Und nun also: Russland. Die Beziehung zwischen der SPD und Moskau war schon immer eine besondere. Der von Egon Bahr erdachte und von Willy Brandt zu Beginn der siebziger Jahre umgesetzte "Wandel durch Annäherung" habe die Blockkonfrontation entspannt, den Kalten Krieg beendet und letztlich die deutsche Einheit ermöglicht – so lautet das außenpolitische sozialdemokratische Glaubensbekenntnis. Allerdings hat Brandt den "Wandel durch Annäherung" stets auf dem ersten Wort betont, dem "Wandel". Es ging ihm in letzter Konsequenz darum, die Ostblockdiktaturen langfristig zu demokratisieren.

Heute dagegen spielt der Wandel in den öffentlichen Reden deutscher Sozialdemokraten kaum noch eine Rolle. Die "Annäherung" ist zum Selbstzweck geworden. In Gerhard Schröders Kumpelei mit Putin und den Gasfürsten findet diese Umdeutung ihren prägnantesten Ausdruck.

Würde die Aufhebung der Sanktionen automatisch zu einem besseren Verhältnis zu Russland führen? Wer so argumentiert, übersieht die russische Logik hinter der aggressiven Außenpolitik: Sie dient Putins Machtsicherung. Die Mobilisierung gegen äußere Feinde hat die Popularität des russischen Präsidenten deutlich gesteigert. Warum also sollte eine Aufhebung der Sanktionen diese Politik beenden?

Der vorerst letzte Sozialdemokrat, der einen betont russlandfreundlichen Wahlkampf betrieb, war Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschef Erwin Sellering. Eingeengt zwischen AfD und Putin-freundlicher Wählerschaft lud Sellering Altkanzler Schröder an die Ostsee und wollte die Russland-Sanktionen am liebsten sofort abschaffen. "Der Erwin", heißt es seitdem in der Partei, "hat vieles richtig gemacht."

Nicht nur im Osten, sagt Parteivize Stegner, auch in seiner Heimat Schleswig-Holstein spüre er "den massiven Wunsch, die Spannungen mit Moskau abzubauen". Andere führende Sozialdemokraten berichten von Wahlkampfveranstaltungen, bei denen die Bürger zwar auch fragten, wie es denn mit den Flüchtlingen weitergehe. Deutlich größer aber sei die Sorge: Warum ist das Verhältnis zu Russland so schlecht? Der Druck von unten, er verschiebt oben die Gewichte.

Zwar gibt es Zweifel. Aber die sind oft handwerklicher Art: "Wie will man das alles für den Wahlkampf zuspitzen?", fragt ein hochrangiger Genosse. Schröder habe es 2002 leichter gehabt, weil eine schlichte Frage im Raum stand, die er mit Ja oder Nein beantworten konnte: Sollte sich Deutschland am Irakkrieg beteiligen? Im Wahlkampf 2017 ist diese Zuspitzung nicht in Sicht. Die Sozialdemokraten müssten vielmehr von den Wahlkampfbühnen rufen, dass es dem Frieden diene, wenn man freundlicher mit Russlands aggressivem Präsidenten umgehe.

Das größte Risiko für einen russlandfreundlichen Wahlkampf ist ohnehin Russland selbst. Zwar befürchten immerhin 48 Prozent der Russen laut einer aktuellen Umfrage, dass die Beziehungen zwischen dem Westen und ihrem Land wegen des Syrienkonflikts zu einem Dritten Weltkrieg führen könnten, der nuklear ausgetragen werden könnte. Aber bleibt sich Wladimir Putin treu, dann wird er auch 2017 auf düstere Überraschungen und neue Eskalationsformen setzen. Wie lange könnte die SPD ihre Russland-Rücksicht durchhalten, wenn Wladimir Putin unverdrossen Zivilisten in Syrien bombardieren lässt oder die Lage in der Ostukraine auf die nächste Eskalationsstufe treibt?

Stellt man führenden Sozialdemokraten diese Frage, wirken sie wieder so, wie man sie zuletzt öfters erlebt hat: ratlos.