In Südafrika demonstrieren die Studenten gegen hohe Uni-Gebühren und die Ungleichheit von Schwarz und Weiß. An den Protesten könnte die Nation zerbrechen.

Wie eine Wand aus Uniformen stehen vor dem Parlament in Kapstadt gut 50 Polizisten. Sie tragen Helme, kugelsichere Westen und Schutzschilde. In ihren Gürteln stecken Pistolen, manche halten Gewehre. An ihnen kommt niemand vorbei.

Ein schlaksiger junger Mann mit einem kurz geschorenen Afro und einer schwarzen Hornbrille auf der Nase steht vor ihnen und zoomt mit seiner Spiegelreflexkamera auf Knieschützer und Schlagstöcke, auf durchgedrückte Rücken und ernste Gesichter. Es ist Thabelo Masebe, 19 Jahre. Bis vor Kurzem war er ein normaler Student der Ingenieurwissenschaften im ersten Semester. Seit ein paar Wochen macht er Fotos und lädt sie bei Instagram hoch. Mit fester Stimme sagt er: "Die können uns keine Angst machen. Heute nicht." Die Fotos sind sein Weg, ein Gefühl von Kontrolle zu behalten.

Auch die Sicherheitskräfte machen Bilder. Auf ihren Helmen oder vor ihrer Brust tragen sie kleine Kameras, auf deren Auslöser sie im Laufe des Tages immer wieder klicken werden. Masebe sagt: "Damit sie mich leichter identifizieren können." Er ahnt noch nicht, dass er später vor den Gummigeschossen dieser Männer fliehen wird, dass seine Knie zittern werden – und er zugeben muss, dass er doch Angst bekommen hat.

Masebe und viele der anderen Studenten, die heute hier sind, gehören zu der Generation, die nach dem Ende der Apartheid geboren wurde. Born Free werden sie genannt. In ihren Leben, so das Versprechen, soll die Hautfarbe keine Rolle mehr spielen. Die Realität sieht anders aus. Ihre Enttäuschung darüber ist in Wut umgeschlagen. Fünf Wochen lang hatten sie gehofft, Präsident Jacob Zuma werde ihre Forderungen an den Universitäten des Landes hören und ihnen antworten. Aber Zuma schwieg. Deshalb sind die vielen Tausend heute zum Parlament gezogen: Sie wollen den Präsidenten zur Rede stellen. Sie recken Schilder in die Höhe: "Freie und dekolonialisierte Bildung". Oder: "Makunyiwe Macala", was so viel heißt wie: Wir sind bereit für den Kampf. Zwei junge Männer tragen einen Sarg aus Pappe. Auf ihm klebt ein Foto von Blade Nzimande, dem Bildungsminister.

Viele Hoffnungen verbanden sich mit Südafrika, diesem Vorzeigeland eines ganzen Kontinents: eine postrassistische Regenbogen-Nation, Wachstumsmotor für Afrika, aus Apartheid und Vergangenheit geführt von Nelson Mandela und seiner Partei, dem ANC. Die Born Free wuchsen auf in der Hoffnung eines neuen Zeitalters von Wohlstand und Egalität. Doch von dem Glauben an diese Zukunft ist nicht viel geblieben. Die Wirtschaft lahmt, Schwarz und Weiß sind sich noch immer fremd, und die politischen Erben Mandelas kümmern sich hauptsächlich um das eigene Wohl. Während Abermillionen Rand bei den korrupten Eliten versickern, müssen die Jungen kräftig bezahlen. Eine ganze Generation fühlt sich verraten.

Vor fünf Wochen bekam Thabelo Masebe eine E-Mail von Max Price, dem Kanzler seiner Universität. Die Studiengebühren würden zum nächsten Semester angehoben, schrieb Price, vermutlich um acht Prozent. Auch an den anderen Universitäten Südafrikas verkündeten die Präsidenten eine Gebührenerhöhung. Schon jetzt kostet ein Studium in Südafrika im Jahr zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Nicht nur in Kapstadt, auch an vielen anderen Unis in Südafrika brachen daraufhin Unruhen aus. Die Studenten stürmten Vorlesungen, blockierten Seminare und steckten Gebäude in Brand. An der Universität in Bloemfontein, im Kerngebiet der weißen Südafrikaner, wurde ein Rugbyspiel abgebrochen, weil schwarze Studenten das Feld stürmten. 19 von 26 Universitäten stellten ihren regulären Lehrbetrieb ein.

Studiengebühren sind ein sensibles Thema in einem Land, in dem über drei Viertel der Bevölkerung von weniger als 6.500 Euro im Jahr leben müssen. "Ich weiß nicht, wie es weitergeht, wenn die Gebühren weiter steigen", sagt Masebe. Schon jetzt sei es nicht leicht für seine Familie, das Geld zusammenzubekommen. Sein Vater arbeitet an einer staatlichen Schule als Geografielehrer, seine Mutter ist Grundschullehrerin. Ein Lehrer verdient in Südafrika rund 10.000 Euro im Jahr. Masebes Eltern gehören damit zur kleinen südafrikanischen Mittelschicht. " The missing middle" werden diese Familien von Bildungspolitik-Experten genannt. Sie sind die Schicht, die bei der Bildungsförderung vergessen wurden. Für ein Stipendium vom Staat haben sie zu viel Geld. Für ein Darlehen von der Bank zu wenig. Für Studenten wie Masebe kann eine Erhöhung der Gebühren das Ende ihres Studiums bedeuten.

Rein statistisch gesehen ist es ein Wunder, dass Masebe es überhaupt an eine Universität schaffte. Seine Eltern konnten sich keine Privatschule leisten, die immer noch als Garant für die Zulassung an einer Hochschule gilt. Das schlechte staatliche Bildungssystem ist einer der Gründe, warum nur 17 Prozent der Schwarzen eine Hochschule besuchen, aber fast 50 Prozent der Weißen. Die Ungleichheit in Südafrika, die mit der Geburt beginnt, zementiert sich mit aller Macht im Bildungssystem.

Drei Tage vor der Demonstration vor dem Parlament sitzt Zanele Kabane im schummrigen Untergeschoss eines besetzten Gebäudes auf dem Campus. Sie sagt: "Es hat sich seit dem Ende der Apartheid nichts geändert." Kabane, 23 Jahre, schwarzer Kapuzenpullover, zerfledderte Chucks, ist eine der beiden Chefredakteurinnen von Varsity, der traditionsreichen Uni-Zeitung. Auch wenn sie selbst beim Ende der Apartheid 1994 noch ein Baby war, ist die Zeit, in der ihre Eltern Menschen zweiter Klasse waren, stets präsent. Mit einer entschlossenen Bewegung wirft Kabane ihre langen geflochtenen Zöpfe aus Kunsthaar über die Schulter. Sie sagt: "Unsere Bildung ist weiß und westlich. Mit Afrika hat sie nichts zu tun." Es ist die zweite wichtige Forderung der Studenten an Zuma: Die Bildung an den Universitäten solle "dekolonialisiert" werden. Mehr afrikanische Inhalte sollen gelehrt werden, von mehr schwarzen südafrikanischen Professoren und Dozenten. Kabane glaubt nicht, dass die Apartheid von Weißen unterrichtet werden kann. Doch derzeit seien nur zehn Professoren von den 256 an ihrer Uni schwarze Südafrikaner – und nur sechs Prozent der Dozenten.

Gebt uns Zeit, bittet der Vizekanzler der Universität Kapstadt die Studenten in den vergangenen Wochen immer wieder. Transformation passiere nicht über Nacht. Kabane schüttelt den Kopf. Sie will das nicht mehr hören. "Ich spüre jeden einzelnen Tag, dass ich schwarz bin." Es geht ihr dabei um viel mehr als um Professuren. "Warum sagt mir der Kellner, alle Tische seien reserviert, und wenn ein weißer Freund anruft, gibt es doch einen Platz? Wieso werden meine schwarzen Freundinnen in Edelclubs mit Prostituierten verwechselt?", fragt sie. "Es tut weh, sich in seinem eigenen Land nicht willkommen zu fühlen." Kabanes Geduld ist am Ende. So wie die vieler ihrer Kommilitonen. "Es reicht."

Im Februar errichteten Studenten hier, mitten auf der Residenzstraße, zwischen den beiden Wohnheimen der Universität eine Hütte aus Wellblech. Durch eine Fehlplanung der Uni-Leitung wurden zu Semesterbeginn nicht genug Wohnheimplätze bereitgestellt. Für Studenten aus den Townships Kapstadts und den ländlichen Gegenden war das symbolisch: Sie gehörten immer noch nicht richtig dazu.