Sasha Obama war sieben Jahre alt, als sie im Januar 2009 ihr Kinderzimmer im Weißen Haus, dem wichtigsten Haus Amerikas, bezog. Eines Morgens öffnete sie ihr Fenster, um ein bisschen Luft zu schnappen, da brüllte ein schwer bewaffneter Polizist vom Dach: "Fenster zu!" Sofort eilten Sicherheitsleute herbei und erklärten dem Mädchen, irgendein Verrückter könnte sie ansonsten sehen und auf sie schießen.

So etwas könnte bald auch der zehnjährige Barron Trump zu hören bekommen, sollte sein Vater Donald Trump am 8. November zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt werden. Denn wie einst die Obamas, so weiß auch die Familie Trump nicht wirklich, was es heißt, im Weißen Haus zu leben. Die Familie von Hillary Clinton hingegen hätte es ein wenig leichter, sollte Hillary Präsidentin werden. Ihr Ehemann Bill war nämlich schon einmal acht Jahre Präsident, von 1993 bis 2001. Die Tochter Chelsea weiß sehr genau, wie man sich als Präsidentenkind benehmen muss. Sie ist inzwischen erwachsen und hat selbst zwei Kinder, eins ist wenige Monate alt, eins zwei Jahre. Die Ecken des Weißen Hauses, in denen die beiden besser nicht herumkrabbeln sollten, kennt Chelsea noch von früher.

Das Leben in dem majestätischen Gebäude in der Hauptstadt Washington ist nicht leicht, schon gar nicht für Kinder. Denn dort wohnt nicht nur die Familie des Präsidenten, von hier aus wird auch regiert. Die engsten Mitarbeiter gehen immerzu ein und aus, und fast jeden Tag werden wichtige Gäste aus Amerika und aus dem Ausland empfangen. Überall stehen ständig Polizisten, um die Bewohner und deren Besucher aufs Strengste zu bewachen.

Kinder können sich darum im Weißen Haus nicht völlig frei bewegen. Sie dürfen nicht durch alle Stockwerke toben und herumbrüllen, sie sollten keine Türen schlagen und die Musik nicht laut aufdrehen. Und permanent müssen sie aufpassen, dass sie nicht aus Versehen irgendeine wertvolle historische Vase herunterschmeißen.

Natürlich versuchen alle Präsidenteneltern, es ihren Kindern trotzdem so angenehm wie möglich zu machen. Den Obama-Töchtern Sasha und Malia wurde ein riesiges Klettergerüst mit Schaukel und Rutsche in den Garten gebaut. Und sie bekamen einen Hund geschenkt. Wenn sie mit dem durch den Garten tollen, können Fotografen das nicht einfach fotografieren und veröffentlichen. Bilder von Sasha und Malia dürfen eigentlich nur gezeigt werden, wenn das vorher genehmigt wurde.

Das klappt aber nicht immer. Als Sasha während einer Rede ihres Vaters Anfang 2013 gelangweilt gähnte, sah das die ganze Nation im Fernsehen. Ebenso, als die zwei Mädchen sich leicht angewidert abwendeten, als ihr Vater zu Thanksgiving, dem amerikanischen Erntedankfest, einen hässlichen Truthahn begnadigte und so davor bewahrte, zum traditionellen Festschmaus des Nationalfeiertags zu werden. Immer wieder sind Fotos auch Anlass zur Mäkelei: Einige Leute beschweren sich regelmäßig, dass die beiden Teenager angeblich zu kurze Röcke tragen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Egal, was die Kinder unternehmen, eine Frage steht immer im Vordergrund: Sind sie sicher und ausreichend geschützt? Das spielt eine Rolle bei der Auswahl der Schule, bei Einladungen zu Kindergeburtstagen oder Partys, bei Shopping-Ausflügen oder dem Besuch eines Restaurants. Einfach losziehen und tun, was einem gerade in den Sinn kommt, das ist für die sogenannte First Family nicht möglich.

Michelle Obama, die Mutter von Sasha und Malia, hat darunter am Anfang sehr gelitten. In einem Interview erzählte sie, wie sie kurz nach dem Einzug ins Weiße Haus in Panik geriet. Als ihre Kinder am ersten Schultag in die schwarzen Staatslimousinen stiegen, geschützt von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten, und die damals noch kleine Sasha ihr Gesicht an die Autoscheibe drückte, da habe sie sich gefragt: "Was um Himmels willen machen wir hier? Was tun Barack und ich unseren Töchtern an?"

Damals schwor sich Michelle Obama, so viel normales Familienleben wie möglich zu erhalten. Sasha und Malia mussten ihre Zimmer immer selber aufräumen. Großmutter Marian Robinson zog mit ins Weiße Haus, und Vater Barack eilte jeden Abend pünktlich um 18.30 Uhr die Treppe hoch zum gemeinsamen Abendbrot. Danach las er seinen Töchtern Harry Potter vor und ließ dafür auf den unteren Etagen auch mal einen Staatsgast warten. Die Mädchen sollten weder bedrückt in ihrem neuen Zuhause herumschleichen noch hochnäsig werden, weil sie als Präsidentenkinder plötzlich berühmt waren.

Die Familie zusammenzuhalten, das sah Michelle Obama als ihren Job an. Sie beschränkte ihre öffentlichen Auftritte als First Lady auf zwei Tage die Woche und nannte sich selbst Mrs. Mom.

Soweit man weiß, ist alles gut gelaufen. Heute ist Sasha 15 Jahre alt, Malia 18, und beide haben sich im Weißen Haus sehr wohlgefühlt. Am 20. Januar werden sie ausziehen müssen, um der nächsten Präsidentenfamilie Platz zu machen. Das wird, ähnlich wie der Einzug, wieder nicht leicht. Denn Sasha und Malia können nicht einfach noch einmal nach Lust und Laune vorbeikommen, an der Tür klingeln und nachschauen, was aus ihren Kinderzimmern geworden ist. Das Weiße Haus an der Pennsylvania Avenue Nummer 1600 ist fortan für sie verschlossen.