Die Forschung ist frei

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Ja. Nicht nur populistische Bewegungen diskreditieren mit Schlagworten wie "Lügenpresse" und "Volksverräter" missliebige politische Haltungen. In der Friedens- und Konfliktforschung gibt es beispielsweise Gruppen, die in jedem Projekt, das sich mit Militär und Sicherheitspolitik befasst, eine Militarisierung der Forschung wittern. Anstatt sich ernsthaft mit den Inhalten und Forschungszielen auseinanderzusetzen, wird faktisch die Abschaffung der Forschungsfreiheit gefordert. Und das unter dem Deckmantel der Zivilklausel, also der freiwilligen Selbstverpflichtung der Hochschulen, nur zu zivilen Zwecken zu forschen.

2. Woran liegt das?

Wissenschaft mag zwar der Suche nach Wahrheit gewidmet sein, aber damit verbinden sich schon lange keine Absolutheitsansprüche mehr. Wenn Wahrheit aber nicht mehr absolut ist, dann wird auch die Wahrheitssuche Gegenstand politischer Auseinandersetzung um die "richtige" Wahrheit.

3. Was hat sich da verändert?

Je stärker postmoderne Theorien mit ihrer generellen Verneinung von Wahrheitsansprüchen und Rationalitäten in den Sozial- und Geisteswissenschaften geworden sind, desto stärker werden solche Politisierungen.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich halte zwar nicht an absoluten Wahrheitspostulaten fest, bin aber überzeugt, dass wir uns auf gemeinsame Qualitätsstandards in der Generierung von Erkenntnissen einigen können und müssen. Das hilft uns, gute von schlechter Wissenschaft zu unterscheiden.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Es gilt das gleiche Gebot, das ich auch für den Umgang der Politik mit populistischen Bewegungen fordere: Wir müssen Stellung beziehen und streitbar sein, statt dem Postfaktischen das Wort zu reden!

Herkunft macht nicht böse

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Die Statistik weist eindeutig nach, dass Flüchtlinge nicht krimineller sind als Einheimische. Dennoch hält sich bei vielen Wählern der Eindruck, dass Flüchtlinge ein Sicherheitsrisiko sind. Die neuen rechtspopulistischen Bewegungen zweifeln außerdem an, dass der Klimawandel von Menschen verursacht wird.

2. Woran liegt das?

Das Zeitalter der Fakten scheint vorbei zu sein: Elektronische Medien haben die Qualität von Öffentlichkeit komplett verändert.

3. Was hat sich da verändert?

Es gibt keinen Vertrauensvorschuss mehr auf Kompetenz. Verschwörungstheorien und Verdächtigungen haben Konjunktur, weil sich in sozialen Medien systematisch Meinungsblasen bilden.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich glaube an die Faszination neuer Erkenntnisse, man sollte sie passend zur Zielgruppe vermitteln: Grafik, Text, mündlich, gefühlig und so weiter. Man kann Bürger auch mit Fakten immer noch erreichen. Die Qualität der Öffentlichkeit bedingt auch die Qualität von Demokratie. Wer die Qualität der Demokratie sichern möchte, muss sich über die neuen Mechanismen der politischen Kommunikation informieren.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Kontroversen muss man aushalten, dazu ist die Universität da. Unabhängig davon, ob die Thematik politisch korrekt ist oder nicht. Am Wichtigsten muss der Erkenntnisgewinn sein. Es geht darum, unser Wissen zu verbreitern.

Lügenpresse? Unsinn!

1. Werden erwiesene Fakten Ihres Themenfeldes in der Öffentlichkeit bestritten?

Der Lügenpresse-Vorwurf der Pegida-Bewegung ist zum Wutschrei erstarrte Postfaktizität, die Ultrakurzformel einer Verschwörungstheorie. Erstaunlich ist für mich, dass pauschale Manipulationsbehauptungen, für die es keine Belege gibt, längst auch für breite bürgerliche Kreise attraktiv geworden sind und mit großer Energie vertreten werden.

2. Woran liegt das?

Das verschwörungstheoretische Denken liefert ein ziemlich attraktives Ordnungsmuster in Krisen- und Umbruchzeiten. Es ist gegen Widerlegung immunisiert: eine Weltformel des Übels, das die Ad-hoc-Einordnung vollkommen unterschiedlicher Phänomene erlaubt. Und man kann sich ohne allzu große intellektuelle Unkosten als derjenige ausgeben, der das eigentliche Geschehen "hinter den Kulissen" begreift. Das heißt: Komplexitätsreduktion und das implizite Selbstlob, durchzublicken in einer von raffinierten Manipulationen regierten Medienwelt – das erscheint mir als das Attraktivitätsgeheimnis der Lügenpresse-Vorwürfe.

3. Was hat sich da verändert?

Es gibt eine seit Jahrzehnten erforschte, viel zu lange ignorierte, schleichend wachsende Medienverdrossenheit in westlichen Demokratien. Gegenwärtig sehe ich drei Fraktionen der Medienskeptiker: 1. die klugen, analytischen Medienkritiker, die vollkommen zu Recht auf Fehler, Voreingenommenheiten und übertriebene Skandalisierung verweisen (ja, auch sie gibt es, und sie müssen unbedingt gewürdigt und ernst genommen werden), 2. diejenigen, die einfach nur ihre Wut herausbrüllen wollen, 3. die öffentlich inzwischen sehr stark wahrgenommene, sich ideologisch radikalisierende Fraktion der Medienverdrossenen, die pauschal attackieren und sich in den Echokammern sozialer Netzwerke auch in Gewaltfantasien hineinsteigern.

4. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche in Essays und Vorträgen die gegenwärtige Situation einer radikal veränderten Informations- und Medienwelt als einen gewaltigen, noch unverstandenen Bildungsauftrag zu fassen. Doch in dunklen, pessimistischen Stunden erscheint mir der Verschwörungstheoretiker als die Symbolfigur eines drohenden Diskursinfarktes, also eines Denkens, das keinen Dialog mehr zulässt.

5. Wie sollte die Wissenschaft reagieren?

Wir müssen als Gesellschaft eine Basis suchen und uns bemühen, eine gefährliche Polarisierung einzudämmen – und uns nicht nur über konkrete Inhalte, sondern auch über das Realitäts- und Rationalitätsprinzip des Diskurses verständigen. Hierbei sind Journalisten gefragt, die mit größerer Transparenz und echter Dialogbereitschaft reagieren. Und auch Wissenschaftler, die den Willen zur Verständigung als universalen Wert begreifen, der heute neu entdeckt und begründet werden muss.