Der Dschinn aus Aladdins Wunderlampe ist ein Nervenbündel, das nicht mal einen Gin Tonic herbeizaubern kann. Sindbad, der tollkühne Seefahrer: ein Feigling, der sich jammernd in seiner Schwimmweste verkriecht. Und Ali Baba, der Überlister der vierzig Räuber? Ein Fettsack, der meint, er könne boxen wie Muhammad Ali.

Die Welt von Tausendundeiner Nacht ist ziemlich aus den Fugen, jedenfalls in der Fassung, die das Schauspielhaus jetzt als neues Familienstück präsentiert. Wer eine originalgetreue Adaption des Klassikers erwartet, kommt hier nicht auf seine Kosten. Zum Glück, denn kinderfreundlich war dieses Stück Weltliteratur eigentlich nie: Die Geschichte vom frauenfeindlichen Diktator, der erst seine Ehefrau ermordet, anschließend die Ausrottung des weiblichen Geschlechts beginnt und daran nur durch die opferbereite Jungfrau Scheherazade gehindert werden kann, bekäme heute wohl eine Altersfreigabe ab 18. Und einen feministischen Shitstorm im Internet.

Damit auch schon die Achtjährigen ohne Angst vor Nebenwirkungen ins Theater gehen können, haben Markus Bothe und Nora Khuon den alten Stoff in ein zeitgenössisches Mash-up verwandelt. Von der Skyline Dubais fährt die Drehbühne umstandslos in Basare und in das Nest des großen Vogels Roch. Aus Harry Potter ist ein Lindwurm entwischt, der jetzt in Tausendundeiner Nacht auftaucht, und aus dem Herrn der Ringe hat der Fiesling Gollum rübergemacht. Ein für alle Generationen anschlussfähiger Mythenmix, sogar die Minions kommen auf Stippvisite ins Morgenland.

Die Abenteuergeschichte um den bösen Zauberer Dschafar, der Sindbad und den anderen ihre Kräfte geraubt hat, ist aber nicht einfach nur das jahreszeitlich übliche Theaterspektakel, sondern bietet Stoff für jedes germanistische Oberseminar, als Action gewordene Erzähltheorie. Scheherazade trägt ihre Geschichten nicht einfach vor, sondern sie werden im Moment des Sprechens Realität. Der gebannt lauschende Sultan wird von der Erzählung buchstäblich verschlungen und in ihr selbst zum Akteur, ein mitreißendes Bild von der Macht der Literatur. Mitunter entgleitet der Erzählerin die Kontrolle über ihre Fantasie, der Text macht sich selbstständig, Scheherazade gerät in ihrer eigenen Schöpfung sogar in Lebensgefahr – ein Fest für Fans des Poststrukturalimus, der ja bekanntlich den Tod des Autors für ausgemacht hält.

Doch keine Bange, das alles kommt so fröhlich und bunt daher wie eine Kirmes. Es gibt beinahe echte Kamele, eine Oase namens Olaf und eine dreiköpfige Band, die einen flirrenden Orient-Soundtrack herbeizaubert. Die hundert pausenlosen Minuten flitzen vorbei wie Ali Babas fliegender Teppich, auf dem die Gefährten einige Runden bis hinauf in den Himmel des Bühnenturms drehen.

Die Message der alten Geschichten in neuem Gewand lautet: Jeder braucht jeden. Die Welt kann man ändern. Wer Angst hat, hat schon verloren. Und wer nicht träumt, der hat ein Problem. So viele frohe Botschaften! Weihnachten kann kommen.

"Tausendundeine Nacht", empfohlen ab acht Jahren, keine weiteren Termine im November, ab 5. Dezember nahezu tägliche Matineen und Abendvorstellungen