Vielleicht sollte ich Eric Schmidt schreiben, dass ich keine Autos mag, das könnte helfen. Schmidt ist der ehemalige Vorstandschef und jetzige Verwaltungsratsvorsitzende von Google. Er ist einer der bedeutendsten Manager der Welt, und ich kenne ihn ziemlich gut, wenn auch nicht persönlich. Ich weiß zum Beispiel, dass Schmidt seit 36 Jahren verheiratet ist und wechselnde Geliebte hat, mit denen er nicht verheiratet ist. Eine Fernsehmoderatorin war dabei, eine Marketing-Managerin, auch eine vietnamesische Konzertpianistin. Ich weiß, dass er sich in New York ein Penthouse gekauft hat, das zuvor in dem Film Wall Street: Geld schläft nicht zu sehen war. Es ist 580 Quadratmeter groß und hat 15 Millionen Dollar gekostet. Für mich ist das ziemlich viel Geld, für Eric Schmidt nicht, sein Vermögen beträgt rund elf Milliarden Dollar, auch das weiß ich.

Ich habe das alles im Internet zusammengesucht, mithilfe einer Google-Abfrage, ein paar Minuten haben genügt. Google hat den Manager Eric Schmidt sehr reich gemacht, aber Google sorgt auch dafür, dass ich sehr viel weiß über den Privatmann Eric Schmidt.

Oder sehr wenig. Verglichen mit dem, was Eric Schmidt über mich weiß.

Er weiß, wo ich wohne.

Er weiß, was ich esse.

Er weiß, wann ich schlafe.

Er weiß, welche Musik ich höre, welche Filme ich sehe, welche Bücher ich lese. Dass ich morgen einen Termin beim Zahnarzt habe und übermorgen einen beim Friseur.

Das alles weiß Eric Schmidt, oder zumindest Google weiß es.

So jedenfalls hört und liest man es, fast täglich, in Talkshows und bei Podiumsdiskussionen, in Zeitungsartikeln und in Büchern mit Titeln wie Die Datenfresser, Die Akte Google, Ist Google böse? und Was Google wirklich will. Googelt man Google, stößt man auf Begriffe wie "Datenkrake", "Datenklau", "Big Brother" und "Digitale Überwachung". Es sind die Überschriften einer modernen Erzählung über ein monströses, alles wissendes, nichts vergessendes Maschinengehirn, in dem ein geheimnisvoller Algorithmus arbeitet. Einer Erzählung, die nicht zuletzt Google selbst über sich verbreitet.

Im Herbst 2010 saß Eric Schmidt auf einer Bühne in der amerikanischen Hauptstadt Washington und beantwortete Fragen des damaligen Chefredakteurs der Zeitschrift The Atlantic. Man kann sich das Interview im Internet ansehen, es dauert 24 Minuten und 26 Sekunden. Eric Schmidt spricht über die Bedeutung des technischen Fortschritts, über die Macht der Daten, dann sagt er, lächelnd, einen Satz, der in den Jahren danach um die Welt geht: "Wir wissen, wo du bist, wir wissen, wo du warst, wir wissen, mehr oder weniger, worüber du nachdenkst."

Es klingt, als erkläre Schmidt die Privatsphäre offiziell für aufgehoben.

Ich habe nie ganz verstanden, wie Google es anstellt, sich all diese Daten zu beschaffen. Trotzdem habe ich an der Informiertheit des Konzerns nicht gezweifelt. Google weiß alles über mich? Nicht angenehm, aber das ist eben der Preis für die in Sekundenbruchteilen beantworteten Suchabfragen, für die kostenlosen Videos, für den fast unbegrenzten Zugang zum Wissen der Welt. So habe ich das gesehen. Dass Google mich gut kennt, habe ich nicht infrage gestellt.

Bis ich dieses Filmchen auf YouTube sah, der Videoplattform von Google.

So wie Opel davon lebt, Autos zu verkaufen, lebt Google davon, Werbeplätze zu verkaufen

Ein Freund hatte mir den Link geschickt, ich glaube, es war eine Szene aus einem Basketballspiel der amerikanischen Profiliga, ich schaue mir öfter Basketballspiele auf YouTube an, genau weiß ich es nicht mehr. Was ich noch weiß: Vor dem Video lief ein Werbespot, ein sogenannter Pre-Roll. In dem Spot geht es darum, dass ein Hotelpage die Autos zweier Gäste, eines Mannes und einer Frau, verwechselt, die beiden fahren das gleiche Modell. Der Mann ist der Fußballtrainer Jürgen Klopp, die Frau die Schauspielerin Bettina Zimmermann. Die Pointe besteht darin, dass Klopp ein blitzblankes Auto hingestellt bekommt, während Zimmermann vor einem mit Matsch verschmierten Wagen steht, Klopp ist da schon weggefahren.

Zimmermann ruft ihn auf dem Handy an und sagt: "Sag mal, Jürgen, ich stehe hier vor deinem dreckigen Auto. Hast du das mit Absicht gemacht?"

Klopp antwortet lachend: "Nein, mit Allrad!"

Es ist eine Werbung für den Opel Mokka, einen Stadtgeländewagen von Opel.

Jürgen Klopp wirbt auch für andere Opel-Modelle, den Astra, den Corsa, den Insignia. Opel versucht seit einiger Zeit, sich ein neues Image zu verpassen, nicht mehr spießig, altbacken, langweilig, sondern jung, frech, modern. Die Werbespots mit Klopp sind also wichtig für Opel. Für Google aber sind sie fast noch wichtiger.