Schmerzen mit Medikamenten zu bekämpfen kann funktionieren – tut es aber häufig nicht. Auf diese lapidare Formel kann man die ernüchternde Erfahrung vieler Ärzte im medizinischen Alltag bringen. Bei Akutschmerzen sind Pillen und Spritzen noch wirksam. Wird das Leiden aber chronisch und findet sich keine körperliche Ursache, die sich beseitigen ließe, verlieren die biochemischen Mittel oft ihre lindernde Kraft.

Verzweifelte Patienten suchen dann nach anderen Lösungen. Die einen schlucken höhere Dosen von einfachen Schmerzmedikamenten wie Ibuprofen, oder sie schwenken auf starke Opioide um. Deren Dauergebrauch aber kann starke Nebenwirkungen zeitigen wie Magenblutung oder in Extremfällen sogar den Tod zur Folge haben. Andere Patienten suchen ihr Heil in alternativen Therapiemethoden, was naturwissenschaftlich orientierte Mediziner für Aberglauben halten.

Doch die Alternativmedizin bekommt jetzt Rückendeckung von den amerikanischen National Institutes of Health (NIH). Viele alternativmedizinische Methoden würden tatsächlich gegen Schmerz helfen, lautet das Fazit eines NIH-Experten in den Mayo Clinic Proceedings. Richard Nahin hatte alle amerikanischen Untersuchungen zwischen 1966 und 2016 aufgespürt, die nach halbwegs guten Standards (randomisiert und kontrolliert) durchgeführt worden waren. Insgesamt 105 Publikationen bewertete der Chefepidemiologe des National Center for Complementary and Integrative Health. In den Arbeiten ging es um so unterschiedliche Beschwerden wie Rücken-, Nacken-, Kopf- und Gelenkschmerzen. Die Liste der angewandten Therapieformen reichte von Akupunktur, Chiropraxis oder Meditation über Yoga und Tai-Chi bis hin zu naturheilkundlichen Mitteln.

Das positive Ergebnis passt zur neuen nationalen Schmerz-Strategie des amerikanischen Gesundheitsministeriums. Mit Sorgen beobachtet man dort, dass jedes Jahr mehr als 14.000 Menschen in den USA durch verschreibungspflichtige Opioide sterben – mehr als alle Drogentodesfälle zusammen. Weniger Medikamente, mehr Alternativmedizin könnte also die wissenschaftlich untermauerte Botschaft lauten.

Wäre da nicht ein Haken. Richard Nahin hatte für seine Analyse eine ungewöhnliche Methode gewählt. Er unterwarf die Studien nicht rigorosen statistischen Auswertungen, denn dafür hatten oft zu wenige Teilnehmer teilgenommen. Mit seinen Kollegen kategorisierte er die Publikationen in solche, die positive, und andere, die negative Befunde erbracht hatten. Entscheidend für das Urteil über eine Methode war, wohin sich die Waagschale jeweils senkte. "Narratives Review" nannten die Autoren ihren unorthodoxen Ansatz. Und der brachte zuweilen andere Bewertungen als die reine statistische Lehre, die sogenannte Evidence Based Medicine. So war die Cochrane Collaboration beispielsweise zu dem Ergebnis gekommen, dass Osteopathie gegen Rückenschmerzen nicht wirksamer sei als x-beliebige Manipulationen am Rücken. Nahins Analyse behauptet nun das Gegenteil.

Die narrativen Analysten versuchen mögliche Kritik an ihrer Arbeit zu zerstreuen. Für viele komplementäre Therapien gäbe es eben keine eindeutig definierten und somit statistisch erfassbaren Anwendungsschemata. Das muss jedoch nicht bedeuten, dass sie unwirksam sind.

Beim Schmerz nämlich spielen die biologischen Vorgänge in den Rezeptoren ebenso eine Rolle wie die psychische Verfassung des Individuums. Schmerz ist ein höchst subjektives Empfinden. Eine Behandlungsform, die den Erwartungen des Patienten entspricht, kann deshalb ungewöhnlich wirksam sein. Das erfahren selbst materialistisch orientierte Schmerzforscher. Die iranische Pharmakologin Parisa Gazerani praktiziert selbst etwa Yoga; der Genetiker Jeff Mogil verlor durch ein simples Aufklärungsgespräch heftigste Leistenschmerzen, und der Anästhesist Yoram Shir empfiehlt ohne ironisches Lächeln schon mal das Handauflegen. Manfred Zimmermann, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, pflegte eine besonders exotische Technik gegen seinen Kopfschmerz: das Blockflötenspiel.