Dass in Brasilien neue Zeiten angebrochen sind, bekamen die Studenten und Lehrer der Escola Nacional Florestan Fernandes hautnah zu spüren. Am Freitag um 9.45 Uhr wurde die landwirtschaftliche Ausbildungsstätte in der Nähe von São Paulo von schwer bewaffneten, äußerst gereizten Polizeitruppen besetzt. Schüler blickten in Pistolenläufe, ein Bibliothekar brach sich bei einem Sturz die Rippen, ein Beamter drohte Mitarbeitern mit dem Tod.

Die Polizei vermutete in der Schule ein paar flüchtige Landbesetzer aus dem Landesinneren. Eine Bewegung landloser Brasilianer liefert sich mit großen Agrarunternehmern schon seit Jahrzehnten einen erbitterten Streit um Ländereien, sie demonstriert, besetzt und klagt. Und die Florestan-Fernandes-Schule ist zwar einerseits eine öffentliche Bildungseinrichtung, zählt jedoch andererseits auch zu den Organisationszentren der landlosen Bauern. Die Gesuchten wurden bei der Razzia nicht gefunden, aber die Botschaft der Polizisten kam trotzdem an: Störungen des wirtschaftlich höchst bedeutsamen Agrarbusiness sind ab sofort in Brasilien unerwünscht. Die Landlosen und viele andere soziale Protestbewegungen, die unter den sozialistischen Regierungen Lula da Silvas (2003 bis 2011) und Dilma Rousseffs (2011 bis 2016) noch viele Rechte und Freiheiten genossen, müssen sich ab sofort vor dem Staat fürchten.

Es gibt in diesen Tagen viele solcher Fälle. Häufchen von Protestgruppen wehren sich mit Demonstrationen und Besetzungen dagegen, dass Umweltvorschriften durch die neue Regierung aufgeweicht werden, dass Sozialhilfe gekürzt wird, das Arbeitsrecht gelockert, die Alphabetisierungsprogramme und der Bildungsetat zusammengestrichen werden. Mal werden sie niedergeknüppelt, mal ignoriert. Die krisengeschüttelte, aber immer noch mit Abstand größte Wirtschaftsmacht Lateinamerikas steht ab sofort unter neuem Management. Gute Geschäfte gehen über alles. Soziale Wohltaten sind Luxus und stehen hintan.

Seit im April die sozialistische Präsidentin Dilma Rousseff mit einem umstrittenen Amtsenthebungsverfahren aus dem Palast in Brasilia geworfen wurde, hat dort eine "Regierung der nationalen Rettung" das Sagen. Das ist eine Gruppierung konservativer Politikveteranen mit viel Erfahrung in Wirtschaft, Verwaltung und Politik, die eine Art Notstandsprogramm ausgerufen hat. Schließlich erlebt die Wirtschaft des Landes gerade ihre schwerste Rezession seit den 1930er Jahren.

Der argentinische Präsident überschlägt sich vor Reformeifer

Seit 2014 ist der Konjunktur des ehemaligen Wirtschaftswunderlandes die Puste ausgegangen. Im laufenden Jahr soll die Wirtschaft erneut um drei Prozent schrumpfen; Inflation und Arbeitslosigkeit sind in die Höhe geschnellt. Wie die neue Regierung an die Macht gelangt ist, war verfassungsrechtlich höchst problematisch – auch viele unabhängige Beobachter sprechen von einem Staatsstreich. Der neue Regierungschef Michel Temer hat schon erklärt, dass er bei den nächsten Wahlen 2018 nicht mehr antreten will. Man solle ihn zuvor aber doch bitte kurz das Land retten lassen: mit einem ehrgeizigen, orthodoxen Reformprogramm voller Sparpläne, Deregulierung und Unternehmerförderung.

Im Nachbarland Argentinien sieht es ganz ähnlich aus. Im Präsidentenpalast von Buenos Aires führt seit Jahresende 2015 der konservative Politiker Mauricio Macri die Geschäfte, ein erfolgreicher Unternehmer und Sanierer. Und auch er überschlägt sich vor Reformeifer: Aufräumen am Kapitalmarkt, eine Befreiung der Wechselkurse, Streichungen von Subventionen, Einladungen an Investoren und so weiter. Im März fiel das sogar US-Präsident Barack Obama auf, der dem neuen Mann in Argentinien einen Aufmunterungsbesuch abstattete und bemerkte: Macri sei offensichtlich ein "Mann in großer Eile".