Manchmal lässt sich sehr klar voraussehen, was Unglück bringt. In diesem Fall kann man es hören. Die Programmierer der Firma Adobe haben etwas technisch ganz Tolles und gesellschaftlich sehr Dummes vorgestellt. Zwar ist es noch kein fertiges Produkt, aber doch eine Software mit problematischem Potenzial.

Adobes bekanntestes Produkt ist die Software Photoshop. So wie transparentes Klebeband Tesafilm und Papiertaschentücher Tempo heißen, ist Photoshop der Gattungsbegriff für digitale Bildbearbeitung. Wurde ein Foto am Computer retuschiert, montiert, manipuliert, sagt man heute: ist doch gephotoshoppt.

Werden wir bald auch sagen "geaudioshoppt"? Gut möglich, dass es uns sogar in den Mund gelegt wird. Denn genau dies kann das Programm mit dem Arbeitstitel VoCo, welches Adobe zusammen mit der Universität Princeton entwickelt und am vergangenen Freitag bei der Konferenz MAX 2016 erstmals öffentlich vorgeführt hat. Was VoCo vermag? Aus Stimmaufnahmen eines Menschen beliebige Sätze formen! Als Trainingsmaterial genügt schon eine 20 Minuten lange Aufnahme, etwa eine Rede oder ein Telefonmitschnitt. Das Gesprochene wird analysiert und in Lautbestandteile zerlegt. Danach kann man jede beliebige – auch ausgedachte – Wortfolge in der Originalstimme erklingen lassen, so als sei alles echt.

Man könnte also John F. Kennedy sagen lassen: "Ick bin ein Hamburger." Oder Angela Merkel, muttimäßig: "Wir schaffen das doch nicht." Oder den vatikanischen Kardinalprotodiakon, feierlich: "Habemus mamam!" Dem Schauspieler Jordan Peele wurde am Freitag schon einmal live in den Mund gelegt, wen er angeblich geküsst habe (zu sehen unter: youtu.be/I3l4XLZ59iw).

Zweierlei sei zugestanden: Erstens, in der VoCo-Demo war die Manipulation hörbar. Aber das kann noch werden. Zweitens, fraglos gibt es für so etwas legitime Anwendungen in Tonstudios und Hörbuchverlagen und so weiter. Aber offenkundig ist eben auch das Missbrauchspotenzial. Ein selbst für Laien einfach zu bedienender Sprachsynthesizer als weiteres massentaugliches Instrument zur digitalen Fälschung, Verwirrung, Sabotage – kurzum zur Relativierung von Wahrheit ...

Die Brandbeschleunigerqualitäten der digitalen Desinformation in politisch turbulenten Zeiten erleben wir ja gerade. Dass Adobe auf der Konferenz eine Art Wasserzeichen für synthetische Tonschnipsel ankündigte, soll da wohl Problembewusstsein signalisieren. Tatsächlich aber ist das naiv. Querfrontler, Verschwörungstheoretiker und Aluhut-Träger werden vermeintliche Mitschnitte eher verbreiten, als diese mit forensischer Skepsis zu prüfen.

Noch ist VoCo ein Forschungsprojekt, kein Produkt. Die Photoshop-Firma sollte es dabei belassen, bevor ein "Audioshop" dazu führt, dass niemand mehr seinen Ohren traut.