"Kennst Du Hans Grimm, Volk ohne Raum; wer’s noch nicht weiß, lernt hier, was Heimat ist und was Schicksal unseres Volks." Diese an seinen Bruder gerichtete Lektüre-Empfehlung verfasste im März 1932 kein Geringerer als der Philosoph Martin Heidegger. Er hatte in einem Buch eine Heimat entdeckt, die er als die seine empfand, und wollte diese Empfindung gern mit anderen teilen.

Allerdings: Die Heimat, die Heidegger in Grimms Machwerk beschrieben fand, ein Deutschland voller aufrechter, hart arbeitender Menschen, die nur durch eine Clique geldgieriger Spekulanten daran gehindert werden, ein friedliches und selbstbestimmtes Leben zu führen, diese Heimat existierte nicht wirklich. Hans Grimm hatte sie sich erschrieben, und er hatte das – zumindest für seine Zeit – so überzeugend getan, dass sein Buch in der Nazizeit zur verpflichtenden Schullektüre wurde (und, als Kuriosum bemerkt, zum Thema von Emil Staigers Probevorlesung an der Universität Zürich).

Aus eidgenössischer Sicht ließe sich als Gegenstück Meinrad Inglins zwölf Jahre später entstandener Schweizerspiegel anführen, wobei sich die Parallele natürlich nur auf das literarische Prinzip, nicht auf die Qualität der beiden Bücher bezieht; selbstverständlich ist Inglin der bedeutend bessere Schriftsteller, und ebenso selbstverständlich ist sein Aufruf, Auseinandersetzungen durch gut schweizerische Kompromisse zu lösen, Grimms Ruf nach gewaltsamer Eroberung von neuem Lebensraum vorzuziehen.

Aber die Aufgabe, die sich die beiden Autoren, jeder auf seine Art, gestellt haben, lässt sich sehr wohl vergleichen: die eigene Heimat so darzustellen, dass in dieser Darstellung die Probleme deutlich werden, die gelöst werden müssten, bevor man sich in dieser Heimat wirklich zu Hause fühlen kann.

In der Liste der Autoren, die nach diesem Prinzip gearbeitet haben, finden sich eine Menge großer Namen: Jeremias Gotthelf, Honoré de Balzac, Charles Dickens, Upton Sinclair. Ihnen allen war gemeinsam, dass sie die Welt, in der sie lebten – ihre Heimat –, nicht einfach eins zu eins beschrieben, sondern jene Aspekte, die ihrer Meinung nach verbessert und verändert werden sollten, verdeutlichten und vergrößerten, um sich damit utopisch eine bessere Heimat ohne diese Fehler zu erschreiben.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Immer mal wieder entstand aus einem solchen tagespolitischen Ansatz große Literatur. Anne Bäbi Jowäger, dieses Meisterwerk psychologischer Einfühlung, entwickelte sich aus einem Auftrag der bernischen Sanitätskommission, die mit einer populären Schrift das im Kanton grassierende Quacksalbertum eindämmen wollte. Dickens bekämpfte mit Oliver Twist die oft noch mittelalterlichen Zustände in der Armenpflege seiner Zeit und erreichte mit seinen aufwühlenden Schilderungen eine Änderung des Armenrechts. Upton Sinclair prangerte in The Jungle die Zustände in der amerikanischen fleischverarbeitenden Industrie so effektvoll an, dass der US-Kongress ein Gesetz zur Inspektion der Schlachthöfe erließ.

In seiner Vorrede zur Comédie humaine formulierte Balzac die doppelte Funktion dieser Art von Roman sehr präzis: Seine Bücher sollten "zugleich die Geschichte und die Kritik der Gesellschaft, die Analyse ihrer Übel und die Erörterung ihrer Prinzipien umfassen".

Weil Balzac ein genialer Meister des Erzählens war, erschuf er in seinen fast hundert Werken eine Welt, die wirklicher war als die Wirklichkeit. Für ihn selber wurde sie so sehr zur Heimat, dass man sich von ihm erzählt, er habe sich in Paris verlaufen, auf der Suche nach einer Straße, die er für eines seiner Bücher erfunden hatte. Und auf seinem Sterbebett soll er nach Doktor Bianchon verlangt haben, einer Romanfigur, die er selber geschaffen und immer wieder verwendet hatte.

Bei Dichtern mit der außergewöhnlichen Beobachtungs- und Formulierungskunst der Genannten kann die Darstellung dieser eigentlich kritisierten Heimat so wirkungsmächtig sein, dass wir ihre didaktischen Absichten vergessen und ihre Werke noch Generationen später als Inbegriff der exakten Beschreibung empfinden. Wir haben bei der Lektüre das Gefühl: So und nicht anders muss es gewesen sein. Wir reden vom "Dickensschen England", obwohl die britische Gesellschaft der viktorianischen Ära nicht genauso war, wie sie Dickens in seinen wunderbaren Romanen beschrieb. Und auch die Lebenswirklichkeit im Emmental entsprach wohl nur sehr punktuell der Beschreibung im Werk von Jeremias Gotthelf. (Und noch viel weniger der idealisierenden Darstellung in Franz Schnyders Verfilmungen.)

Man könnte die These aufstellen: Eine Welt nicht nur zu beschreiben, sondern sie für sich und die Leser neu zu erschreiben ist Voraussetzung für die Qualität eines Buches. Autoren, die von einer idealisierten Heimat ganz ohne Fehl und Tadel erzählen, von einer Welt, in der die Geranien auf dem Fensterbrett auch im tiefsten Winter blühen, solche Autoren schreiben keine Romane über ihre Heimat, sondern nur Heimatromane im Sinn jener Kioskheftchen, deren vielversprechende Titel Steffis Sehnsuchtsmelodie oder Gefahr für Marions Glück heißen.