Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Zwei Bilder sind Anlass heftiger Debatten. Die Bilder haben sich zu einem zusammengeschoben. Das ist tückisch. Nein, Kardinal Marx und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm haben nicht in der Talkshow "Anne Will" ihre Kreuze niedergelegt, weil eine Ex-Punkerin, die eine Protestexistenz gegen eine religiöse Provokation ausgetauscht hat, offen zum Kampf aufgerufen hat. Der Eindruck könnte entstehen, wenn man im Bus in Berlin oder in den sozialen Medien unterwegs ist. Die Geistlichen haben ihre Kreuze beim Besuch des Tempelbergs und der Klagemauer in Jerusalem abgenommen. Lutherrock und Soutane haben sie angelassen. In grauen Straßenanzügen wäre die Begegnung mit religiösen Würdenträgern aus Islam und Judentum im Ostteil Jerusalems keinem aufgefallen. Schließlich ist die Stadt allen drei Religionen heilig. Doch so ist es wie mit dem goldenen Rahmen, in dem das Bild fehlt. Alle Augen richten sich auf die Lücke. Das war schon vor zwei Wochen, und der Schnappschuss ist nur ein sehr kleiner Bildausschnitt ihrer gemeinsamen Pilgerreise.

Die Suggestion "Unterwerfung" unter den Islam oder die Empfindlichkeiten der anderen Religionen ist das Ergebnis einer fatalen Verkürzung und ein Lehrstück über die Macht der Bilder. Diejenigen, die diese Bilder in Kauf nehmen, müssen sich aber solcher Verkürzungen bewusst sein. Es sind nämlich nicht nur "Rechte", die es befremdlich finden, wenn hochrangige Geistliche zwar Soutane und Lutherrock anhaben, also sichtbar als Christen an den heiligen Stätten von Juden und Muslimen auftreten, das Kreuz aber ablegen. So überlassen sie die Deutung dieses Zentralsymbols anderen.

Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, deutlich zu machen, dass das Kreuz eben nicht das Siegeszeichen über Menschen, sondern der Triumph über ihrer aller Feind, den Tod, ist. Wer nicht mit den gewalttätigen Kreuzzüglern in Verbindung gebracht werden will, sollte gerade nicht aufs Kreuz verzichten, sondern deutlich machen, warum dieses Zeichen besonders in diesen Zeiten das Zentralsymbol der Christen bleibt: als Zeichen des Leidens des Gottessohnes, der für und mit seinen Freunden und Feinden leidet. Es sind die Christen im Nahen Osten, die ihr Kreuz nicht auf dem Bauch, sondern auf dem Rücken tragen müssen: bedroht, angefeindet, vertrieben, ausgerottet.

Mit Anne Will und ihrem Talkshow-Gast hat die Geste der Geistlichen nichts zu tun. Der weit hergeholte Zusammenhang ist unfair und gefährlich. Er wird aber nicht nur von bösen Menschen mutwillig hergestellt. Er entsteht in den Köpfen aller, die beide Bilder sehen, und wird unwillkürlich das Gegenteil des Intendierten: kein Zeichen von Toleranz, sondern von Sprach- und Mutlosigkeit.