8. 10. 2016 Natürlich ist der Begriff, das ganze Konzept, Schwachsinn. Ein Wort für Leute, die in ihrem Supermarkt in Tränen ausbrechen, weil Pastinaken und Rübstiel und schwarzer Rettich, weil das gesamte Sortiment "alter Gemüsesorten" plötzlich aus der Volksrepublik Mosambik eingeschleppt wird. Wieder ein Stück Verlust. Wieder ein Stück Entwurzelung. Und auf dem Heimweg die stechenden Augen des Orientalen.

Überhaupt Wurzeln! Den Terminus muss ich mir merken. Wurzeln braucht jede Pflanze. Deswegen sind auch Menschen Pflanzen. Wurzeln gleich Flüssigkeitsaufnahme. Selbstbeobachtung: Ich bin sehr durstig. Gleichzeitig habe ich Kopfschmerzen. Leiden an einem Wort. Ich bin auf dem Weg in die Sackgasse.

10. 10. 2016 Die weiten, bunt gefiederten Schwingen der Panik. Flucht in die Grundlagenforschung: Was versteht man unter einem Essay? Essayer ist Französisch und bedeutet versuchen/ausprobieren. Aber was? Zum Thema ist schon alles geschrieben worden. Nichts hat gefruchtet. Nichts bleibt mehr übrig. E-Mail an den Mann von der ZEIT: Wann ist überhaupt Abgabetermin? Und was, verflucht noch mal, soll ich schreiben? Wen wird man, wenn es endlich so weit ist, beauftragen, meine Wohnung auszuräumen?

12. 10. 2016 Die Krise ist überstanden. Ich finde zu rationalem, methodischem Arbeiten zurück. Moderater Optimismus deswegen, beinahe Hoffnung, auch wenn noch kein einziges Wort geschrieben ist. Zudem liefert Google wertvolle Denkanstöße. Wunderbar, was man alles mit dem Begriff kombinieren kann. Schutz, Musik. Verein. Maschine, Molekül, Püree. So viel Freiheit, so viele Möglichkeiten, genau wie damals. Die Bilder, das spüre ich, steigen jetzt langsam nach oben. Die Aromen. Das Licht. Die Wege durch den Stadtteil, die frühe Dämmerung der Herbstnachmittage, die Lichthöfe der Laternen. Nie war Langeweile interessanter. Nie mehr wirkten Drogen besser. Wir als Zwölfjährige, vor der Bäckerei Lange an der Salzufler Straße in Lachdelirien aufgelöst. Die Ephedrinblicke. Die Geräusche auf den Fußballplätzen. Die Schreie, das Gelächter, das Knacken brechender Schienbeine. Der Geruch von Siebziger-Jahre-Architektur, in die Hunderte strömten, die so aussahen und so waren wie ich. Die Angst, die Witze. Der ganze Schwachsinn. Wie das alles kanalisieren? Vor allem warum?

Der freundliche Mann von der ZEIT hat geantwortet. Letzter Abgabetermin leider bereits am 18. Inhaltlich und stilistisch sei ich vollkommen frei.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

14. 10. 2016 Ich tausche die Motive des Bildschirmschoners aus. Mehrfach.

15. 10. 2016 Das bedrückende Schweigen meiner Wohnung.

16. 10. 2016 Es ist jetzt klar, ich schaffe es nicht. Wieder einmal werde ich die Menschen enttäuschen müssen. Ein altbekanntes Muster – schon damals, bevor ich floh. Den Leuten erzähle ich immer, dass ich aus politischen Gründen gegangen bin. Dass ich zu Hause keinen ordentlichen Job hatte. Aber das ist nicht wahr.

Der Mann von der ZEIT schreibt zurück. Er hat Verständnis für meine Probleme. Das Thema sei komplex, gerade durch seine Einfachheit. Ein kleines Honorar werde man mir trotzdem zahlen. Ich bin gerührt, die Schweiz ist ein gutes Land. Vergleichsweise. Die Menschen, die sich die Schweiz als Zuhause zusammenfantasieren, können sich glücklich schätzen. Natürlich lehne ich trotzdem ab. Ich habe genug Geld. Ich habe genug von allem.

18. 10. 2016, spätabends Der Rechner leuchtet in die Dunkelheit, Flüssigkeit schimmert in meinem Glas, vor dem Fenster schwarze Stille. Es ist wie so oft bei mir: Erst wenn es zu spät ist, bin ich bereit zu beginnen. Mein Kopf sprudelt über, das Thema zirkuliert auf Endlos-Repeat. Vielleicht stimmt es ja, was sie sagen: Dieses Ding, woher man kommt, wo alles angerichtet wurde, lässt einen nicht los.

19. 10. 2016, 3 Uhr: Noch ein Erfolg! Endlich! Im Darknet stoße ich beim Tablettenkauf auf den Satz, mit dem mein Essay hätte beginnen müssen:

"Heimat, Ort, wo westliche Winde wehen; und durch die Kirschblüten im April streicht sanft die Melodie des Suizids."

(Mari Takano)