Für die Grünen läuft es super. Sie sind in zehn Landesregierungen vertreten. Im Bundesrat geht nichts ohne ihre Zustimmung. Sogar ein grüner Bundespräsident ist plötzlich denkbar. Aber vor ihrem Parteitag in Münster am kommenden Wochenende ist die Partei nicht nur zerstritten – sie ist fundamental verunsichert. Und sie hat allen Grund dazu.

Mit Ausnahme von Baden-Württemberg haben die Grünen zuletzt bei jeder Landtagswahl Stimmen verloren, zum Teil massiv, bis ins Parlamentarische Nichts. Nirgendwo war die Enttäuschung so groß wie in Berlin, wo alle Voraussetzungen gegeben schienen, ganz groß rauszukommen – Voraussetzungen, auf die man eben auch für 2017 hoffen muss: ein Überdruss an der großen Koalition, links-alternative Milieus satt, die mit der Drohung der AfD am Horizont zu mobilisieren sind. Aber statt in die Nähe des Bürgermeisteramts zu rücken, fielen die Grünen noch hinter die Linkspartei zurück, an die sie die meisten Stimmen abgegeben haben. In Berlin! Wie soll das in Nordrhein-Westfalen werden?

Die Grünen wissen nicht genau, was die Gesellschaft ihnen sagen will – und erst recht nicht, was sie ihr antworten sollen. Der Preis für die sogenannte Eigenständigkeit – man hält sich offen nach links wie nach rechts – war hoch: siehe Berlin. In dieser Lage fehlt es ihr an politischer Führung. Winfried Kretschmann (der Einzige, der die Erfahrung, den Horizont und die Härte dafür hätte) verhält sich wie ein beleidigter Onkel, der sich noch immer an alten familiären Kränkungen abarbeiten muss. Es gibt in der aktuellen Parteispitze niemanden, der nach außen wie nach innen eine schlüssige Antwort auf die Frage hat, die Parteimitglieder dieser Tage schon an die Tür der Bundesgeschäftsstelle genagelt haben: Wie links sind die Grünen noch?

Die Grünen sind mit ihren linken Positionen – ihrer Gender- und Flüchtlingspolitik, ihrer Haltung zu Heizpilzen, Steaks und Verbrennungsmotoren – zum Zentrum von entflammtem Hass und routiniertem Spott geworden. Keine heute-show ohne Claudia-Roth-Parodie. Den Hass kennt man, schon immer. Aber der Spott über die "Bevormundungspartei" – der hat wirklich wehgetan. Eingeschüchtert stehen die grünen Frontleute da und tun alles, um nie wieder mit einem "Veggie Day" in Verbindung gebracht zu werden – als sei der eine völlig abwegige Idee. Als könnte es ernsthaft eine Energie- oder Agrarwende geben, ohne dass die Leute, zur Not unter Zwang, ihr Leben ändern.

Die Parteilinke ist wütend. Für sie ist klar, was los ist. Man hat vor der Wahl in Baden-Württemberg Rücksichten auf Winfried Kretschmann genommen. Sein Sieg würde schließlich allen nützen. Aber Kretschmann hört gar nicht mehr auf mit den Absetzbewegungen – zuletzt unternahm er sogar einen Ausflug in den Populismus und schrieb in einem Beitrag für diese Zeitung, die "klassische Ehe" sei nun mal die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – "und das ist auch gut so". Für die erlittenen Schmerzen forderte die Parteilinke jetzt auf der Bundesdelegiertenkonferenz am Wochenende in Münster einen Skalp, eine echte antikapitalistische Geste, Völker, hört die Signale: Es ist die Vermögensteuer. Es wird den Realos, auch wenn sie in der Partei vielleicht zahlenmäßig überlegen sind, nicht gelingen, sie aus dem Programm zu halten. Doch die Debatte ist nicht einfach ein Machtspiel; vielmehr geht es um die Frage, was die richtige Lektion aus den vergangenen Jahren ist, aus der Finanzkrise, aus dem Diesel-Skandal, aus der Tatsache, dass reiche Familien mehr Förderung erhalten als arme.

Die Mitglieder sind in dieser Lage keine große Hilfe. In einer Befragung durch den Parteivorstand sagt eine Mehrheit von ihnen, soziale Gerechtigkeit heiße für sie vor allem bessere Bildung – eine Forderung, die eher dem libertären Denken der Realos entgegenkommt. Befragt aber, welche Maßnahmen jetzt wichtig sind, steht die Vermögensteuer ganz oben auf der Liste – die Trophäe der Linken.

Den Ausweg sehen viele Grüne paradoxerweise gerade in dem Hass, der ihnen entgegenschlägt. Wenn man schon selbst nicht genau weiß, wer man ist, die AfD kann es den Grünen in aller Deutlichkeit sagen. Aber das reicht nicht. Die Grünen brauchen eigene Antworten – ein eigenes Verhältnis zu Deutschland, womöglich sogar ein liebevolles.