Die Verunsicherung ist groß in den deutschen Kultusministerien: Hat man bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichts auf den falschen Partner gesetzt? Was die 750.000 muslimischen Schüler in Deutschland in den Klassenzimmern über ihre Religion erfahren, von wem und wie sie dabei unterrichtet werden sollen, wurde stets mit dem islamischen Verband Ditib ausgehandelt. 970 Moscheegemeinden gehören ihm an, er ist damit der größte und mächtigste Islamverband in Deutschland.

Seit einigen Wochen allerdings fragt man sich in vielen Staatskanzleien und Kultusministerien, ob man mit Ditib noch einen vertrauenswürdigen Alliierten an der Seite hat. Ob es noch derselbe Partner ist, mit dem man einst die Gespräche über den islamischen Religionsunterricht begonnen hat.

Es war ein zähes, über drei Jahrzehnte dauerndes Ringen, bis ein Islamunterricht in deutscher Sprache an den staatlichen Schulen möglich wurde. Vorreiter waren die drei Bundesländer Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, im Rest der Republik wird noch mit Modellversuchen experimentiert.

Nach dem Putschversuch in der Türkei wachsen nun die Zweifel an Ditib. Die Landesregierungen gehen auf Distanz zu dem Verband, Gespräche werden auf Eis gelegt, Gutachten angefordert. Kirchenrechtler und Islamwissenschaftler sollen prüfen, wie stark die Verflechtungen mit Ankara sind, ob es noch eine ausreichende Unabhängigkeit gibt. Auch Bundesländer wie Rheinland-Pfalz, die die flächendeckende Einführung des Religionsunterrichts noch planen, haben die Verhandlungen mit Ditib zunächst ausgesetzt.

Seit diesem Sommer steht Ditib, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, im Verdacht, ein verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Erdoğan und seiner Partei AKP zu sein. Was die von Ditib nach Deutschland entsandten Imame nach dem Putsch in den deutschen Moscheen verkündeten, wie sie Nationalismus und Religion miteinander vermischten, klang zu sehr nach Sprachrohr der türkischen Regierung. Bereits zuvor irritierte der Verband mit seiner harschen Kritik an türkischstämmigen Abgeordneten, die im Bundestag für die Armenienresolution gestimmt hatten.

Manche Kritiker sehen nun zumindest theoretisch einen Zugriff Ankaras bis in die kleinste Moschee hinein, egal, ob in Frankfurt, Duisburg oder Hannover. Und nicht nur das. Der Einfluss Erdoğans könnte bis in die deutschen Klassenzimmer reichen. Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt, sieht eine klare strukturelle und personelle Abhängigkeit der Ditib von Ankara. Diese führe zu einer politischen Anlehnung an die jeweilige türkische Regierung. Nach dem Putschversuch sei Personal, das nicht auf Linie war, zurückberufen oder entlassen worden. Entscheidende Gremien der Ditib-Zentrale in Köln seien besetzt mit Beamten des türkischen Staates. Auch die Imame, die in deutschen Moscheen predigen, sind türkische Beamte. Ditib ist ein Ableger von Diyanet, dem türkischen Amt für Religiöse Angelegenheiten, in Ankara. Dieses ist direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt. Zugespitzt heißt das: Ditib kümmert sich nicht nur um religiöse Belange, sondern könnte auch die islamistische Ideologie der AKP vermitteln.

Bekir Alboga, Generalsekretär der Ditib, sieht die Dinge anders. Seit Wochen wiederholt er mantrahaft: Wir sind ein deutscher Dachverband. Wir verstehen uns als deutscher Verein für Deutschland. Man sei politisch neutral – und der Religionsunterricht im Übrigen Aufgabe der Länder und der jeweiligen Ditib-Landesvertretungen. Deren Vorstände würden von den Moscheegemeinden gewählt. "Da arbeiten wir souverän", sagt Alboga.

Der türkische Staatsislam galt als vergleichsweise moderat

Dass Ditib eng an die Türkei angebunden ist, ist seit vielen Jahren bekannt. Allerdings störte sich daran kein Politiker, solange in Ankara noch andere Politik gemacht wurde. Der türkische Staatsislam galt als vergleichsweise moderat, als ein Garant gegen radikale Strömungen. Ditib, ohnehin der größte muslimische Verband in Deutschland, schien damit der passende Partner für den islamischen Religionsunterricht zu sein.

Es sind verfassungsrechtliche Gründe, weshalb die muslimischen Verbände in die Gestaltung des Religionsunterrichts miteinbezogen werden. Laut Grundgesetz soll er "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt" werden. Das gilt auch, wenn es um evangelischen oder katholischen Religionsunterricht geht. Anders als die Kirchen jedoch kennen Muslime keine Strukturen, es gibt keinen Papst, keine Bischofskonferenz. Wer spricht also für wen? Laut einer Studie der Islamkonferenz fühlt sich über die Hälfte der Muslime von den Verbänden nicht vertreten. Auch deshalb dauerte das Ringen um den Religionsunterricht so lange. Es fehle an politischem Willen, klagten die muslimischen Verbände. Ohne Ansprechpartner gehe es nicht, insistierte die Politik.

Und so blieb die religiöse Unterweisung der Kinder lange den Moscheevereinen und ihren Imamen überlassen. Ein zweifelhafter Unterricht. Die Mehrheit dieser "Import-Imame", die für fünf Jahre vom türkischen Staat nach Deutschland entsandt werden, weiß wenig, zu wenig über das Leben in Deutschland. Die meisten von ihnen sprechen kaum Deutsch, ihre Predigten beziehen sich auf die Situation in den islamischen Ländern, nicht auf das Leben in Köln oder Offenbach. Traditionell-konservativ in ihrem Denken, beschränken sie sich auf das Eintrichtern von Koransuren. Hinterfragen des Gelernten unerwünscht.

Bis 2012 sollte es dauern, bis Nordrhein-Westfalen und kurz darauf Niedersachsen den Islamunterricht an staatlichen Schulen einführte. Eine juristische Hilfskonstruktion machte diesen Schritt möglich: Ein Beirat aus Vertretern der wichtigsten muslimischen Verbände dient dort als Ersatz für die Religionsgemeinschaft. Er hat Einfluss auf Lehrpläne und Mitspracherecht bei der Auswahl der Lehrer. Ditib ist in dem Beirat eine Stimme von acht. Bisher hat sich das Modell bewährt.

Hessen ist einen anderen Weg gegangen, hat den Ditib-Landesverband als Religionsgemeinschaft anerkannt und mit seiner Unterstützung 2013 den Religionsunterricht eingeführt. Harry Harun Behr, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Frankfurt, bildet die angehenden Religionslehrer aus und hat die Lehrpläne für den islamischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe I geschrieben. Dem Konvertiten kann man bestimmt keine große Verbandsnähe nachsagen. Als an deutschen Universitäten vor fünf Jahren die Zentren für Islamische Theologie eingerichtet wurden, warnte er vor einem übergriffigen Verhalten der Verbandsfunktionäre. Dem aktuellen Alarmismus schließt er sich nicht an. Die von ihm entwickelten Lehrpläne musste Behr von Ditib absegnen lassen. Und was passierte? "Nichts", sagt der Religionspädagoge. "Sie haben sie durchgewinkt, ohne reinzureden." Auch aus dem hessischen Kultusministerium heißt es, eine Einflussnahme aus der Türkei könne nicht festgestellt werden. Die Lehrer seien alle hier ausgebildet und hessische Landesbeamte, das seien keine Ditib-Angestellten. Die Unsicherheit aber bleibt. Man wolle nun ganz genau hinschauen.