Berlin, Prenzlauer Berg: Anna Kaminsky empfängt daheim, im bürgerlichen Altbau-Wohnzimmer. Kaminsky studierte zu DDR-Zeiten Sprachwissenschaften, ist heute Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Nun hat sie ein Buch vorgelegt, das sich wie eine Kampfschrift liest – wider die Verklärung der ostdeutschen Frau. Wie kommt sie dazu? Die ZEIT-Autorinnen Anne Hähnig und Maria Timtschenko, 28 und 26 Jahre alt, stammen selbst aus dem Osten. Sie haben mit Kaminsky gesprochen. Und auch gestritten.

DIE ZEIT: Frau Kaminsky, waren Frauen in der DDR wirklich so unglücklich, wie Sie schreiben?

Anna Kaminsky: Schreibe ich das? Sagen wir mal so: Die DDR war kein Horrorkabinett – aber sie war auch keineswegs das Frauenparadies, als das sie heute oft dargestellt wird. Frauen in der DDR waren zerrissen zwischen den eigenen Ansprüchen und denen des Staates. Und sie mussten sich unglaublich anstrengen, um zu schaffen, was von ihnen verlangt wurde: Vollzeit arbeiten zu gehen, Kinder großzuziehen, den Haushalt zu schmeißen, sich in der Partei oder sonst wo zu engagieren. Ich weiß nicht, ob das wirklich das ist, was wir heute unter Emanzipation verstehen.

ZEIT: Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch Frauen in der DDR vor allem die Zumutungen, denen diese Frauen ausgesetzt waren. Es kommt uns manchmal ein bisschen zu kurz, dass die Frauen immerhin eines waren: gleichberechtigt!

Kaminsky: Es stimmt, Frauen waren in der DDR gerade im Berufsleben stärker gleichberechtigt als Frauen im Westen. Daraus zogen sie, zogen wir, Selbstbewusstsein. Die Regelungen zur Gleichberechtigung klangen auch gut, aber in der Realität waren viele Frauen von dem anstrengenden Alltag trotzdem überfordert. Mütter mit kleinen Kindern standen morgens um fünf Uhr auf, um zur manchmal weit entfernten Kita zu fahren. Dann gingen sie zur Arbeit, am späten Nachmittag holten sie die Kinder wieder ab, gingen mit ihnen einkaufen, was in der DDR Stunden dauern konnte. Sie machten den Haushalt, und nach dem Abendbrot fielen sie ganz gleichberechtigt todmüde ins Bett.

ZEIT: Dass sie ein ideales Leben geführt hätten, behauptet kaum einer mehr. Warum war es Ihnen wichtig, noch einmal eine Kritik an der Verklärung der ostdeutschen Frau zu schreiben?

Kaminsky: Es ging mir vor allem darum, zu beschreiben, was Frauenleben in der DDR ausgemacht hat. Wenn das als Kritik an der Verklärung rüberkommt, dann ist das offenbar auch nötig. Die Debatte über Frauenrechte, Mutterschaft und Berufstätigkeit ist ja in ziemlich massiver Weise zurückgekehrt. Eine große Frage dieser Zeit lautet: Wie können Eltern Familie und Beruf vereinbaren? Wie kriegen wir das hin, dass sich junge Frauen nicht mehr abgehängt fühlen, sobald der Nachwuchs da ist? Welche Vorbilder können wir uns nehmen? Und ich glaube einfach nicht, dass die DDR zum großen Emanzipierungsvorbild taugt. Ich will dieser Verklärung gerne etwas entgegensetzen.

ZEIT: Für viele moderne Frauen, auch im Westen, sind die Ost-Frauen – trotz all ihrer Nöte – Vorbilder. Wenn Sie jetzt als DDR-Forscherin das Frauenbild der DDR kritisieren – kritisieren Sie dann auch das aktuell vorherrschende Frauenbild?

Kaminsky: Nicht das Frauenbild kritisiere ich. Sondern dass die Probleme kleingeredet werden. Und dass Frauen, die einen anderen Lebensweg gehen wollen, bisweilen angefeindet werden. Das passiert heute nämlich wieder. Beispielsweise wenn Frauen, die mit den Kindern daheimbleiben, vorgeworfen wird, sie würden sich von ihrem Mann aushalten lassen. Und: Sie seien "nicht richtig" emanzipiert. Ich beschreibe das ja in meinem Buch: Auch in den staatlichen Werbekampagnen der DDR wurden Hausfrauen damals als Heimchen am Herd, als Schmarotzerinnen verunglimpft.