Lieber Emil,

was wäre ich ohne Mikrofon? Ein Sänger, den man nicht versteht. Allein schon deswegen gebührt Ihnen mein Dank. Dabei war seine Erfindung gar nicht Ihre Intention. Sie wollten lediglich die Tonqualität des ersten Telefonapparates verbessern. Das haben Sie geschafft – und so viel mehr! Selbst Graham Bell, der Ihnen 1877 das Patent für Ihr "Kohlemikrofon" zum Preis von 50.000 Dollar abkaufte, konnte nicht ahnen, welche Tragweite Ihre Erfindung haben würde.

Hätten Sie denn damals gedacht, werter Emil, dass Künstler, Forscher, Politiker, ganze Branchen, ja fast die gesamte Menschheit einmal von Ihrer Erfindung profitieren würde?

Für die Unterhaltungsbranche ist sie unverzichtbar. Ohne Mikrofon bei der Aufzeichnung würde der Fernseher keinen Ton von sich geben. Jetzt fragen Sie sich sicherlich, was denn bitte schön ein "Fernseher" ist. Sagen wir: eine weitere Erfindung der Menschheit, die es möglich gemacht hat, neben Ton auch Bewegtbild zu übertragen. Die Qualität der übertragenen Inhalte lässt aber meist stark zu wünschen übrig. (Vielleicht könnten Sie sich ja mal der Problematik annehmen und einen "Qualitätsfilter" fürs Fernsehen erfinden? Ich wäre Ihnen sehr dankbar!)

Emil Berliner, ich ziehe den Hut vor Ihnen. Mit Ihrer Erfindung verbinde ich als Sänger unzählige großartige Momente auf der Bühne und im Studio. Dabei war es nur einer Ihrer zahlreichen Geistesblitze – kurz darauf erfanden Sie auch noch das Grammofon und die Schallplatte. (Damit haben Sie übrigens ganz nebenbei eine ganze Branche aus dem Boden gestampft.)

Wenn ich Ihnen eine Frage stellen könnte, würde ich wissen wollen, welche Musik Sie selbst – als Wegbereiter der Musikbranche – gerne hören. Aber wahrscheinlich haben Sie gar keine Zeit dafür und widmen sich gerade Ihrer nächsten Erfindung: dem Beantworten von Briefen aus der Zukunft.

Ihr

Jan Sievers

Jan Sievers, 39, ist ein deutscher Singer-Songwriter. Er schrieb Lieder für Annett Louisan und Gunter Gabriel.