DIE ZEIT: Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph I., der ein 700 Jahre altes Imperium verspielt hatte. Heute wird er quer durch Österreich gefeiert. Sie haben sich in Ihrem neuen Buch Habsburg post mortem ausführlich mit dem Fortleben seines Reiches beschäftigt. Wie konnte es zu dieser Verklärung kommen?

Carlo Moos: Ich verstehe das ehrlich gesagt nicht ganz. Franz Joseph hat Österreich-Ungarn meiner Meinung nach leichtsinnig und zweifellos schlecht beraten in den mörderischen Ersten Weltkrieg geführt. Er hätte das vermeiden können.

ZEIT: Umso mehr stellt sich die Frage: Warum feiert Österreich nun diesen Mann?

Moos: Er hat halt einfach von 1848 bis 1916 sehr lange regiert. Er war für seine Zeitgenossen die Personifikation der Monarchie. Und er soll menschlich relativ sympathisch gewesen sein, beeindruckte sein Umfeld mit seiner väterlichen Art. Er legte allerdings immer zu viel Wert auf das Militärische. Als Kind spielte er mit Zinnsoldaten und ließ später keine Möglichkeit aus, um in Uniform aufzutreten. Seine Politik war hingegen relativ planlos. Man hat bei Franz Joseph nicht den Eindruck, dass er wirklich erkannt hatte, wie dramatisch die Probleme seines Reiches, allen voran die Nationalitätenfragen, tatsächlich waren. Er hat immer nur punktuell reagiert, wenn es irgendwo gebrannt hat und nicht mehr weitergegangen ist.

ZEIT: Feiern die Österreicher Franz Joseph vielleicht deshalb, weil sie in ihm das heutige Staatsprinzip ihres Land wiedererkennen: Der Mann war ein Durchwurstler.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Moos: Ja, das hat etwas für sich. Franz Joseph dient heute paradoxerweise als republikanische Identifikationsfigur, weil er etwas repräsentiert, von dem Österreich noch immer zehrt. Denken Sie nur an Wien mit seiner imperialen Stadtkulisse.

ZEIT: Reicht diese Identifikation über die touristische Ebene hinaus?

Moos: An Franz Joseph kann man Werte festmachen, die gleichsam österreichische Werte sind: das Katholische, die Beziehung zur Kirche. Oder das Beamtentum, also die Art, wie Ämter strukturiert sind. Das Beamtenethos ist noch immer dasselbe, wie es in der Monarchie etabliert worden war. Diese Transformation, dieses Festmachen eines republikanischen Selbstverständnisses an monarchischen Voraussetzungen, beginnt in der Ersten Republik und dauert bis heute fort. Deshalb muss man schon Verständnis aufbringen für die Präsenz einer Figur wie Franz Joseph und dafür, welch hohen gesellschaftlichen Stellenwert dieses Phänomen besitzt.

ZEIT: Halten Sie die Österreicher für verkappte Monarchisten? Die Kaiserbilder und das Wappen mit dem Doppeladler sind im ganzen Land präsent.

Moos: Eine monarchistische Renaissance halte ich für eine absurde Idee, und sie scheint mir ausgeschlossen. Aber das Identifikationspotenzial für die Größe, die Österreich-Ungarn einmal besaß, ist noch immer vorhanden, und es färbt auf das heutige Österreich kulturell und folkloristisch ab. Mitunter auch auf die Mentalität. Das ist schon ein wichtiger Punkt im österreichischen Selbstverständnis.

ZEIT: Ist man sich dessen in Österreich bewusst?

Moos: Vielleicht nur bedingt, oder es ist von außen besser wahrnehmbar.

ZEIT: Man hat also Franz Joseph erst wiederentdeckt, als er keinen politischen Faktor mehr darstellte?

Moos: Das könnte man so sagen. Von ihm geht heute keine Gefahr mehr aus. Das war nicht immer so. Der austrofaschistische Ständestaat ist aus einem Gesetz aus der Monarchiezeit hervorgegangen, dem Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz von 1917, das wiederum auf dem Paragraf 14 des Staatsgrundgesetzes von 1867 basiert. Damit wurde der Weg in die Diktatur geebnet. Eine meiner Thesen lautet deshalb, dass die Habsburgermonarchie erst mit dem "Anschluss" an Nazideutschland aufgehört hat.

ZEIT: Die Habsburger spielten aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der österreichischen Politik eine Rolle. In den sechziger Jahren kam es zu turbulenten Anti-Habsburger-Demonstrationen, und dem seinerzeitigen Thronprätendenten Otto wurde jahrzehntelang die Einreise verweigert ...

Moos: ... der Bann wurde erst gehoben, als er alle davon überzeugen konnte, dass er auf seinen Machtanspruch verzichtet und die Republik anerkennt. Die Sozialdemokraten haben ihn lange bekämpft, bis Bruno Kreisky entschied: Jetzt ist genug damit! Das war aber nur möglich, weil zwar der Übervater Franz Joseph noch in den Köpfen herumgeisterte, aber eine echte monarchische Renaissance undenkbar war. Die Überhöhung des Kaisers begann, als er, seine Nachfahren und seine Anhänger politisch ausgespielt hatten.

ZEIT: Wie kommt eigentlich um alles in der Welt ein Schweizer dazu, Gefühle für eine Monarchie zu hegen?