Béla Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg gehört zu den interessantesten Einaktern der Musiktheatergeschichte, ein grausig intimes Kammerspiel zwischen Mann und Frau, das Märchen radikal psychologisierend. Denn anders als im Märchen will der Herzog seine berühmten Schreckenskammern sehr wohl zeigen, sträubt sich nur, um Liebe und Leidensbereitschaft der Frau zu erproben. Dieser Blaubart ist kapriziös und grausam; die Frau ist liebend und herrschsüchtig. Sie will ihn von den Geheimnissen seiner Vergangenheit befreien, aber zugleich ihrer Therapie unterwerfen. Wenn die Schreckenskammern auf der Bühne nicht zu sehen, also nur in der Imagination der Liebenden vorhanden wären – man hätte das Lehrbeispiel einer scheiternden Analyse unter Ehepartnern, eine seelische Vergewaltigung.

Und tatsächlich verzichtet der russische Regisseur Dmitri Tscherniakow in seiner Hamburger Inszenierung auch auf jeden Wechsel des Bühnenbilds, der Herzog (Bálint Szabó) und Judith (Claudia Mahnke) bleiben im Schlafgemach, das gewissermaßen alle sieben Kammern schon enthält. Sie öffnen sich nur im Kopf der Streitenden – und in der Musik, die hier tatsächlich genau das ist, was man auch verachten könnte: Tonmalerei. Dunkel und Licht, Nässe und Grauen gibt es in der Partitur, selbst das Blut hat seine eigene Notenfolge.

Man hört: Der junge Bartók stand 1911, als er die Oper schrieb, noch ganz im Banne von Richard Strauß. Aber interessant: Er hat viel mehr Geschmack. Es ist eine Art entrümpelter und entschlackter, reduzierter und deshalb radikalisierter Strauß, unheimlicher und moderner, weil der Gesang gar kein eigentlicher Gesang mehr ist, sondern ein komponiertes Deklamieren, das über dem Orchesterklang schwebt. Ließe man den Gesang weg, hätte man noch immer einen Tonfilm, der die Geschichte erzählt.

An der Prosodie, einem dicht ans Ungarische geschmiegten Sprachgesang, hat Bartók hart gearbeitet – und wunderbarerweise begegnet man dieser Technik in Hamburg noch einmal, bei dem zweiten Einakter des Abends. Péter Eötvös hat für Senza Sangue (nach einem Roman von Alessandro Baricco) das Deklamieren der italienischen Sprache des Librettos angepasst, und herausgekommen ist etwas, das lebhaft an die Secco-Rezitative der alten italienischen Oper erinnert, nun aber über einem modernen Ochesterpart liegt – mit diesem nur schwach verknüpft wie bei Bartók. Ganz offenbar hat Eötvös sein Stück, das in Hamburg die deutsche Erstaufführung erlebt, eigens für die Verbindung mit Blaubarts Burg geschrieben.

Wie Bartók sich Strauß durch Reduktion anverwandelt hat, verfährt Eötvös mit Bartók; er hat die letzten spätromantischen Anteile getilgt und den Rest noch einmal transformiert, jedoch mit rollenden Bässen, Schlagzeugflächen, über denen Bläsersätze irrlichtern, das Dynamische, das Rhythmische und die Harmonien Bartóks behalten. Der Effekt ist angenehm, andererseits frappant: weil der Abstand zwischen den Stücken von immerhin hundert Jahren zur Nuance schrumpft. Der Abend beginnt mit Eötvös, aber wenn Bartók folgt, hat man keineswegs den Eindruck, in die behaglicheren Polster von 1911 zurückzusinken. Das Idiom des 20. Jahrhunderts bleibt dominant: Macht, Gewalt und Erotik.

Ist es eine ungarische Tradition, die ungarische Komponisten vereint? Die Geschichte, die Senza Sangue erzählt, spielt in Lateinamerika, könnte aber auch osteuropäisch sein. Rebellen nehmen tödliche Rache an einem regimetreuen Verbrecher, aus Mitleid verschont einer aber die kleine Tochter. Als alter Mann begegnet er ihr wieder, die inzwischen mutmaßlich die anderen Mörder ihres Vaters umgebracht hat. Was soll nun geschehen? Angst und Neugier durchdringen sich, ein lauerndes Verhör beginnt, ähnlich dem Verhör zwischen Blaubart und seiner jungen Frau in Bartóks Oper. Auch hier vermischen sich Angst und Angstlust; am Ende fordert die Frau (Angela Denoke) den Mann (Sergei Leiferkus) auf, mit ihr in ein Hotel zu gehen.

Man sieht: Die beiden Stücke belichten sich gegenseitig. Nur leider belässt es der Regisseur nicht dabei, sondern zwingt ihnen eine Kontinuität der Handlung auf. Das Hotelzimmer wird zum Schlafzimmer in Blaubarts Burg, dort soll sich die Sache gesteigert gruselig fortspinnen. Aber wer ist dann wer? Müsste nicht ein Geschlechtertausch stattfinden und die Frau aus dem Eötvös-Stück, immerhin Tochter eines Kriegsverbrechers und mutmaßlich selbst Mörderin, die Rolle Blaubarts bei Bartók übernehmen? Ist sie nicht die Undurchsichtigere von beiden?

Unklug aufgeworfene Fragen. Im Übrigen ist der Abend brillant, die Figurenregie meisterhaft, das Sängerensemble umwerfend, voran der Bassbariton Leiferkus und die (eigentlich Mezzo-)Sopranistin Claudia Mahnke. Péter Eötvös dirigiert selbst, beide Stücke, und vollbringt nebenbei ein lokales Wunder: die Wiederauferstehung des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Wie konnte das geschehen? Ein dunkles Geheimnis von Macht und Erotik.