Manchmal, wenn man in einem Stoß alter Redaktionspapiere eine Notiz von Helmut Schmidt wiederfindet, einen kurzen Brief, eine Lektüreempfehlung oder ein von ihm korrigiertes Manuskript, dann kann man gar nicht anders, als kurz daran zu schnuppern. Denn jedes Blatt, das seinen Schreibtisch verließ, trug diesen unvergessenen Duft von gut Geräuchertem.

Mehr als dreißig Jahre lang war das so am Hamburger Speersort, wenn Schmidt seine Gedanken zu Papier brachte. Obwohl seine Sekretärin in den späteren Jahren Beiträge von ihm per Mail verschickte oder ins Redaktionssystem stellte – es gab immer das ausgedruckte Exemplar, mit grünem Filzschreiber oder mit Bleistift in die letzte, verbindliche Fassung gebracht. Und das duftete nach Schmidt.

Sein Büro, in dem er bis in den Sommer 2015 hinein mindestens drei Tage die Woche arbeitete, ist fast unverändert. Auf dem Schreibtisch der Drehaschenbecher, der immer etwas schepperte, wenn Schmidt seine Reyno darin versenkte; dazu das Holzkästchen, in dem er die Zigarettenration des Tages stapelte, mit einer Zeichnung von Schloss Bellevue auf dem Deckel und dem eingravierten Namenszug von Heinrich Lübke. Ein Geschenk des früheren Bundespräsidenten?

Der weiße Besprechungstisch mit den fünf schwarzen Lederstühlen steht noch da, als kämen gleich die nächsten Gäste. An der Wand ein Foto von Gustav Heinemann, darunter eine Aufnahme, die Schmidt mit Valéry Giscard d’Estaing zeigt, von Giscard signiert. Ein Porträt Bruno Kreiskys. Karikaturen von E. M. Lang aus der Süddeutschen Zeitung und Loriots wunderbare Karikatur: Friedrich Nowottny, damals Leiter des WDR-Fernsehstudios Bonn, wie er den mit verschränkten Armen vor ihm stehenden Kanzler interviewt.

Und in der Ecke, zusammengefaltet, sein Rollator.

Leer und verwaist das alte Sekretariat. Im vorigen Winter, als schon die Akten und Bücher in Kartons gefüllt wurden, saßen wir mit der Assistentin, der Sekretärin und dem Fahrer hier zusammen und tauschten Erinnerungen aus. Von den Ausflügen am Sonntagnachmittag wurde erzählt, wenn es zum Kaffeetrinken ins Schleswig-Holsteinische oder Niedersächsische ging und Helmut und Loki sich über den Weg nicht einig waren. Und weil Helmut Schmidt es natürlich besser wusste, landete man auch schon mal in einer Sackgasse, sehr zur Verwunderung der Anwohner, vor deren Haus plötzlich zwei schwarze Limousinen standen, in denen sie einen Staatsmann mit schlohweißem Haar und dessen Gattin erspähten. Dann wurde, auf Lokis Rat, gewendet.

Damit wir im Alltagsgetriebe unseren Herausgeber nicht vergessen, hat eine ihm wohlgesinnte Bank eine Bronzebüste für das Foyer des ZEIT-Hauses gestiftet. Da steht er nun, aus unerfindlichen Gründen ohne rechten Arm, und begrüßt uns jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit.

Der Bronze-Schmidt kippt ein wenig nach hinten, so hat man ihn eigentlich nicht in Erinnerung. In den Konferenzen des Politischen Ressorts saß er meist versunken, aber gerade auf seinem Stuhl, um sich dann im entscheidenden Moment aufzurichten und das Gespräch an sich zu ziehen ("Ich hab’ da mal ’ne Frage!"). Im vergangenen Jahr mussten wir nun ohne ihn über den Brexit, über Merkel und die Flüchtlinge, über Putin in Syrien, über Seehofer und Gabriel, über Trump und Hillary streiten. Hätte er dabeigesessen, er hätte wohl gegrummelt, alles nicht so schlimm, und wir wären beruhigt gewesen. Oder er hätte gesagt: Wird alles noch viel schlimmer! Und wieder wären wir beruhigt gewesen, weil die meisten seiner apokalyptischen Prognosen nicht eintrafen. Jedenfalls nicht sogleich.

Amerika hat ihn umgetrieben. Die tiefe soziale Spaltung des Landes beunruhigte ihn. Er sah voraus, dass sich das Land stärker mit sich selbst beschäftigen würde, eine Folge des demografischen Wandels, wie er glaubte. Er vermisste die Erfahrung und die intellektuelle Klarheit der alten außenpolitischen Ostküsten-Elite. Zunehmend kritisch blickte er auf die Macht des großen Geldes, zweifelte aber nicht an Amerikas liberalem und demokratischem Kern. Trumps Aufstieg und der Niedergang der Republikanischen Partei hätten ihn zutiefst erschüttert.

Jetzt, Anfang November, hätte es ihm gefallen, von seinem Schreibtisch aus, durch das Fenster nach Süden blickend, die fertige Elbphilharmonie zu betrachten. Bisschen protzig, hätte er wahrscheinlich gedacht. Aber, wer weiß, insgeheim wäre er wohl doch stolz gewesen auf dieses gleißende Wunder, das seine Heimatstadt – "die schlafende Schöne", wie er Hamburg einst nannte – da an den Hafenrand gesetzt hat.

Helmut Schmidt fehlt dieser Stadt. Ein bisschen wohl auch dem Land. Uns jedenfalls im Pressehaus, das jetzt seinen Namen trägt, uns fehlt er sehr.

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