Zuerst hört man in der Bar des Hilton-Hotels in New York nur den sportlichen Sprechchor: "USA! USA! USA!" Dann werden die Rufe immer lauter, und es tönt auf einmal: "Trump! Trump! Trump!" Um 22.30 Uhr Ortszeit, als Trump den wichtigen Staat Ohio gewinnt, ertönt zum ersten Mal der Schlachtruf vieler seiner Wahlveranstaltungen: "Lock her up!" – Sperrt Hillary ein! Um 23 Uhr gewinnt Trump North Carolina. Und wieder verändern sich die Rufe: "Drain the swamp!" heißt es jetzt. Legt den Sumpf in Washington trocken! Um 23.35 Uhr gewinnt er Florida. In der Bar ist die Stimmung jetzt total ausgelassen.

Während Hillary Clinton das gigantische Javits Center in New York gemietet hatte, hatte Trump seine Unterstützer in den relativ kleinen Rhinelander-Ballsaal im Hilton-Hotel gerufen. Diejenigen, die nicht mehr hineinpassten, versammelten sich um die Bar im ersten Stock. Und selbst unter den Hardcore-Fans will zuerst keiner so recht glauben, was da gerade passiert. Trump gewinnt, einen Staat nach dem anderen. Und mit jedem Sieg blendet CNN die fallenden Börsenkurse ein.

An der Bar trifft man Leute wie Patrick O’Rourke. Einen Iren, der seit 1976 in Amerika lebt, die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, für ein großes Versicherungsunternehmen arbeitet und Trumps Kampagne finanziell unterstützt hat. Er fragt eine entgeistert blickende Journalistin hämisch: "Na, keine gute Laune, oder?"

Besser könnte die Laune nicht sein als in Rushville, einem 6.000-Seelen-Städtchen im Bundesstaat Indiana, etwa eine Stunde von der Hauptstadt Indianapolis entfernt. Die Erde hier ist flach, aber fruchtbar. Landwirtschaft, ein bisschen Industrie, vor allem Zulieferer für die Autoindustrie.

Hier regiert von jeher nur eine Partei. Für die kommunalen Posten, die am Dienstag auch zur Wahl standen, haben ausschließlich Republikaner kandidiert. John McCane, der in den neunziger Jahren einmal Bürgermeister war, hat zum Wahlabend in seinen Partykeller geladen, eine Männerhöhle mit Pokertisch, Bar und Pool-Table. An der Wand hängt neben einem Bild der amerikanischen Freiheitsstatue, der irischen Fahne und einem alten Wahlplakat von Ronald Reagan auch ein handsigniertes Foto von Mike Pence, dem amtierenden Gouverneur von Indiana und Vizepräsidentschaftskandidaten der Republikaner. Auf einem riesigen Fernseher läuft Fox News mit den neuesten Wahlergebnissen.

McCane hat Trump unterstützt, wie fast alle seiner Gäste an diesem Abend, obwohl er nicht sein Favorit war. Rückblickend stellt er das als einen mutigen Sprung ins kalte Wasser dar: "Ich war bereit, das Unbekannte auszuprobieren." Trump, das war der Mann, der versprochen hatte, Washington aufzuräumen. "Washington", das ist das wichtigste Schimpfwort heute Abend in Rushville.

Doch nun wird ein Mann, der nie ein politisches Amt innehatte und seinen ganzen Wahlkampf gegen das Establishment in Washington führte, ebendort ins Weiße Haus einziehen.

Der Chef des Übergangsteams, das Trumps erste Schritte vorbereitet, ist Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey. Er will Washington radikal umkrempeln. Von den 4.000 Regierungsmitarbeitern, die von Trump ernannt werden können, sollen 60 bis 70 Prozent aus der Privatwirtschaft kommen, erklärte Christie. Langjährige politische operatives, Menschen, die von der und für die Politik leben, werden in Zukunft in Washington weniger zu sagen haben.

Und es gibt auch schon einige Spekulationen darüber, wer im Kabinett von Donald Trump sitzen wird. Einige Namen hat Trump selbst fallen lassen. Da ist zum Beispiel John Bolton, der für seine drastischen Äußerungen bekannte ehemalige amerikanische UN-Botschafter. In einer Radio-Show sagte Trump Mitte August, dass er sich ihn sehr gut als Außenminister vorstellen könne: "Ich glaube, John Bolton ist ein guter Mann. Ich habe ihn gestern dabei beobachtet, wie er mich und meine Ansichten verteidigt. Sehr, sehr stark." Bolton, der im vergangenen Jahr in der New York Times gefordert hatte, Irans Nuklearprogramm durch einen Krieg zu stoppen, pries im Gegenzug Trumps radikale Vorschläge für den Kampf gegen den IS, inklusive Folter und Auslöschung ganzer Familien.

Trumps Kabinett soll aber wesentlich durch Geschäftsleute wie ihn selbst geprägt werden. Als Innenminister etwa ist der 74-jährige Ölmagnat Frank Lucas im Gespräch. Für das Wirtschaftsministerium ist der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Steven Mnuchin vorgesehen.

Ein anderer Geschäftsmann, der von nun an exklusiven Zugang zu Präsident Trump haben wird, ist Peter Thiel. Der Milliardär aus dem Silicon Valley hatte sich früh auf Trumps Seite geschlagen. Eine Entscheidung, die man als eine Art politisches Risiko-Investment betrachten kann: Was bringt mir mehr? Als Einziger im Silicon Valley auf Trump zu setzen? Oder wie alle anderen auf Hillary Clinton? Ganz im Sinne seiner konträren Investmentstrategie, die auf disruption – also kreative Zerstörung – setzt, hatte er auf Trump gewettet.