Die gute Nachricht: Die hormonelle Verhütung für den Mann funktioniert. Die schlechte: Sie ist wahrscheinlich mit deutlichen Nebenwirkungen verbunden. So lautet verkürzt das Ergebnis einer Studie, die eine internationale Forschergruppe gerade im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism veröffentlichte. Regelmäßige Hormonspritzen hatten bei mehr als 300 männlichen Probanden die Spermienproduktion so weit gedrosselt, dass vergleichbar viele Schwangerschaften verhindert werden konnten wie durch bewährte Verhütungsmittel. Trotzdem wurde die Studie vorzeitig abgebrochen, weil zu viele Teilnehmer über Nebenwirkungen klagten – darunter Akne, Veränderungen der Libido und Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen.

Aus ethischer Sicht gibt es an dem frühzeitigen Studienende nichts zu bemängeln. Viele Frauen dürften jedoch angesichts dieser Entscheidung die Stirn runzeln: Denn fast alle diese Beschwerden stehen als mögliche Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel ihrer Verhütungspillen. Sechs bis sieben Millionen Frauen in Deutschland schlucken täglich die Pille, schätzt Pro Familia – laut der Techniker Krankenkasse sind das etwa 70 Prozent der weiblichen Bevölkerung im Alter von 20 bis 29 Jahren und immerhin 40 Prozent der über 30-Jährigen. Anders gesagt: Womöglich wurden durch den Abbruch der Studie einige Hundert Männer vor einem Risiko geschützt, wie es Millionen von Frauen jeden Tag in Kauf nehmen.

Diese paradox anmutende Situation ist symptomatisch, die Pille hat ein Imageproblem. Bei ihrer Einführung wurde sie als Symbol der sexuellen Befreiung gefeiert, weil Frauen endlich keine ungewollten Schwangerschaften mehr befürchten mussten. Heute stößt so mancher aber die ungleiche Verteilung der Verantwortung auf: Wieso ist Verhütung immer noch so oft Frauensache?

Im Frühjahr entlud sich der Unmut in den sozialen Netzwerken. Unter dem Hashtag #MyPillStory beschrieben Frauen auf der ganzen Welt ihre Erfahrungen mit der Pille. Neben wenigen lobenden Tweets waren Horrorgeschichten zu lesen, über Migräne, Depressionen und lähmende Müdigkeit bis hin zu Krebserkrankungen. Das ist natürlich episodisch, lässt sich kaum überprüfen – doch #MyPillStory erinnert daran, dass die Pille kein Wundermittel ist, sondern ein Medikament. Wie alle Medikamente eines mit Risiken und Nebenwirkungen.

Erst kürzlich lieferte eine Studie neue Hinweise darauf, dass die hormonelle Verhütung bei Frauen die Wahrscheinlichkeit für Depressionen erhöht. Für ihre Untersuchung hatten Forscher der Universität Kopenhagen 13 Jahre lang Daten von rund einer Million Frauen im Alter zwischen 15 und 34 Jahren gesammelt. Die Schlagzeilen waren alarmierend: "Pille erhöht das Risiko für Depressionen um bis zu 80 Prozent" war da zu lesen, oder nur: "Depressiv durch die Pille!"

So einfach ist die Sache allerdings nicht. Eine eindeutige Aussage über die Ursache lässt sich mit solchen Untersuchungen grundsätzlich nicht treffen, und relative Erhöhungen des Risikos klingen oft dramatischer, als sie sind. Die absoluten Zahlen sind weniger beeindruckend: Frauen, die hormonell verhüteten, bekamen laut der Studie in 2,16 Prozent der Fälle Antidepressiva verschrieben, ohne diese Verhütungsmethode waren es 1,66 Prozent. Umgerechnet für Deutschland wäre aber auch diese kleine Differenz immer noch gleichzusetzen mit etwa 30.000 zusätzlichen Patientinnen, denen Antidepressiva verschrieben würden.

Kritiker monieren, dass die Veröffentlichung viele Fragen offen- lasse. So wurde der depressions- fördernde Effekt beispielsweise nicht nur für die Pille berechnet, sondern auch für Frauen, die mit der Hormonspirale verhüten. "Obwohl hier weniger Hormone in den Kreislauf abgegeben werden, litten die Betroffenen sogar etwas öfter unter Depressionen als die Frauen mit Pille", sagt der Gynäkologe Ludwig Kiesel, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Solche scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse können ein Hinweis sein, dass der Nocebo-Effekt eine Rolle spielt. Frauen könnten beispielsweise von der Pille eher eine depressionsfördernde Wirkung erwarten und dadurch die Stärke des Effekts beeinflussen. Über ein ähnlich überraschendes Resultat wunderten sich übrigens die Forscher der abgebrochenen Männer-Studie: Ein Großteil der Berichte über emotionale Störungen stammte aus einem einzigen Studienzentrum, obwohl alle Teilnehmer aus den sieben beteiligten Ländern die gleichen Präparate erhalten hatten.