Solche Probleme gibt es mit vielen Studien. Eine Befragung von mehr als 1.200 Medizinstudentinnen (!) hatte im Jahr 2010 ergeben, dass die Einnahme hormoneller Kontrazeptiva mit einer verminderten sexuellen Erregbarkeit assoziiert war. Und gerade angehenden Ärztinnen dürfte bekannt sein, dass Libidoverlust als Nebenwirkung der Pille diskutiert wird. Entsprechend könnte dieses Wissen die Studienergebnisse beeinflusst haben. Andererseits ist es für eine erwachsene Frau, die seit dem 15. Lebensjahr die Pille nimmt, praktisch unmöglich, zu beurteilen, wie ihr Liebesleben ohne die Hormone aussehen würde.

Angesichts der komplizierten Informationslage ist es also nachvollziehbar, wenn manche Frauen beim Pilleschlucken ein mulmiges Gefühl beschleicht. Immerhin handelt es sich um eine Dauermedikation mit Hormonen. Aber was genau machen die mit dem Körper und der Psyche?

Die Antwort auf diese Frage hängt unter anderem vom Präparat ab, also von der Dosis und Zusammensetzung der Hormone. Das gilt beispielsweise für das Thromboserisiko, also die Gefahr, dass sich ein Blutgerinnsel bildet, das schlimmstenfalls lebenswichtige Gefäße in der Lunge verstopfen kann. Das Risiko dafür ist besonders bei den Pillen der neueren Generationen erhöht, die neben Östrogenen bestimmte neu entwickelte Gestagene enthalten (siehe Kasten).

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Thrombose ist, hängt aber auch von individuellen Faktoren ab. Das Bundesinstitut für Arzneimittel hat sie in einer Checkliste zusammengestellt: Demnach sollten vor allem Raucherinnen und Frauen über 35 alternative Verhütungsmethoden in Erwägung ziehen (siehe Randspalte). Für Frauen ohne solche Risikofaktoren ist selbst bei der ungünstigsten Hormonkombination die Gefahr, im Laufe eines Jahres eine Thrombose zu erleiden, mit 12 zu 10.000 immer noch gering.

Weil das persönliche Risikoprofil so wichtig ist, sollten Frauenärzte die Pille niemals einfach verschreiben, sondern die Patientin zunächst gründlich befragen und untersuchen. Gerade überarbeitet eine Gruppe unter Regie von Ludwig Kiesel die entsprechenden Leitlinien für Gynäkologen. Kiesel rät davon ab, den ganzen Beipackzettel vorzulesen, denn dann, so sagt er, "würde keine Frau mehr die Pille anrühren". Vielmehr müsse der Arzt auf jene Gefahren hinweisen, die für die jeweilige Patientin relevant seien – und die Frauen vor allem nach einiger Zeit zur Kontrolle wieder einbestellen.

Gemeinsam können Arzt und Patientin besser beurteilen, ob es sich bei einer Auffälligkeit um eine ernst zu nehmende Nebenwirkung handelt. Über Zweifel sollten Frauen mit dem Gynäkologen sprechen, statt die Pille eigenmächtig ab- und womöglich wieder anzusetzen. Denn just solche Wechsel erhöhen das Risiko für Nebenwirkungen. Und für Schwangerschaftsabbrüche: Die Berliner Frauenärztin Christiane Wessel zeigte in ihrer Promotion, dass bei jeder Negativschlagzeile zur Pille die Zahl der Abtreibungen steigt. Offensichtlich setzen viele Frauen dann das Hormonpräparat ab, ohne es durch eine sichere Alternative auszutauschen.

Dabei haben die Hormone nicht nur unerwünschte Nebenwirkungen. Manche Frauen, die unter dem prämenstruellen Syndrom leiden, profitieren beispielsweise von der Stabilisierung des Hormonspiegels. Genau wie die natürlichen Hormone des Körpers wirken auch die synthetischen Botenstoffe in der Pille weder nur schädlich noch nur vorteilhaft, sondern hochkomplex und bei jeder Frau anders. Experten halten es aber für unwahrscheinlich, dass eine schwerwiegende Nebenwirkung in den mehr als 50 Jahren seit Einführung der Pille nicht aufgefallen ist.

Womöglich greifen die Hormone jedoch auf ganz subtile Weise in den Alltag der Frauen ein. In einer Übersichtsarbeit kamen britische Forscher zu dem Schluss, dass die Pille die Präferenz von Frauen für bestimmte Körpergerüche verändert und dafür sorgt, dass sie weniger maskuline Männer anziehend finden. Eine US-amerikanische Studie ergab, dass Stripteasetänzerinnen, die zur Verhütung die Pille nahmen, immer ungefähr gleich viel Trinkgeld bekamen – Kolleginnen mit natürlichem Zyklus verdienten um den Zeitpunkt des Eisprungs pro Stunde etwa 20 Dollar mehr.

"Die Pille kann auch bewirken, dass Frauen Gefühle wie Ekel, Wut und Trauer bei anderen schlechter erkennen", sagt die Psychologin Birgit Derntl, Professorin für innovative hirnfunktionelle Verfahren an der Uni-Klinik Tübingen. Dieser Effekt lasse schon in der pillenfreien Woche nach, die Frauen nach 21 Tabletten für gewöhnlich einlegen. Insgesamt, sagt Derntl, sei die Studienlage aber noch dünn – es gebe etwa kaum Daten dazu, wie stark die beschriebenen Effekte bei Frauen im Alter über 30 Jahren seien und welche Rolle es spiele, wie lange man die Hormone schon einnehme.

Eines lässt sich heute nicht mehr von der Hand weisen: Die Pille verändert Körper und Psyche. Hirnforscher konnten mit bildgebenden Verfahren bereits zeigen, dass die Einnahme der Hormone mit dem Volumen verschiedener Gehirnregionen in Zusammenhang steht. Ein schlüssiges Bild ergebe sich daraus bisher nicht, sagt Derntl, und es sei fraglich, ob diese Veränderungen im Alltag einen Unterschied machten. Gerade deshalb sollten die offenen Fragen aber weiter erforscht werden, sagt die Psychologin. "Die Frauen sollten wissen, was die Pille mit ihnen macht – oder machen kann."