Jahrhundert im Schnellvorlauf

Ein Mädchen, das 2016 in Deutschland geboren wird, hat eine Lebenserwartung von 83 Jahren. Statistisch betrachtet wird es bis 2099 leben. Bis dahin, wo in den Grafiken der Klimaforscher die bunten Temperaturkurven laufen. Plus wie viel Grad wird das Thermometer am Ende des Jahrhunderts anzeigen? Dieses stellvertretende Kind – nennen wir es Maria – wird das erleben und durchleben. In Gestalt von Wärme, von Wetter, wohl auch als Welterschütterung: Die Klimaflüchtlinge, die Politologen prophezeien? Die eisfreie Arktis, mit der Glaziologen rechnen? Die heißeren Sommer und stärkeren Niederschläge, vor denen Meteorologen warnen? Maria wird im Lauf ihres Lebens verfolgen, welche Vorhersagen wann eintreten, wie hoch die Fieberkurve des Planeten im Lauf des Jahrhunderts ansteigt. Sie wird die Auswirkungen jener politischen Entscheidungen erleben, die den Verlauf dieser Fieberkurve bestimmen.

Um solche Entscheidungen geht es derzeit in Marrakesch, Marokko. Auf dem 22. Weltklimagipfel diskutieren anderthalb Wochen lang die Gewählten und die Gelehrten, wie man jene Ziele erreichen könnte, auf die man sich beim Gipfel numéro 21 in Paris geeinigt hatte. Vor fast einem Jahr.

Geht das nicht schneller? Die Befunde der Klimaforschung klingen doch immer dringlicher! Mehr Kohlendioxid füllt die Atmosphäre als seit mindestens 800.000 Jahren, die wärmste je gemessene Fünfjahresperiode war von 2011 bis 2015, und 2016 wird wohl das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen ... Da scheinen sich Klimapolitik und Klimawandel zueinander zu verhalten wie Zeitlupe und Schnellvorlauf.

Zurück zu Marias Lebensspanne. 83 Jahre, das klingt lang für ein Menschenleben. 83 Jahre, das ist verdammt kurz angesichts des kolossalen Problems. Sobald man sie durch das Prisma der globalen Erwärmung betrachtet, erscheint Marias Lebenszeit seltsam verzerrt – ähnlich wie für einen irdischen Betrachter das Licht ferner Sonnen im Weltall durch die schiere Masse schwerer Sterne gekrümmt wird. Und nicht nur Marias Lebenszeit, das ganze 21. Jahrhundert erscheint im Licht des Klimawandels wie gestaucht. Denn die globale Erwärmung bringt nicht allein das Verhältnis der Gase in unserer Lufthülle durcheinander, sondern auch unser Zeitempfinden: Die Jahrzehnte schrumpfen, die Zukunft scheint auf uns zuzurasen – während zugleich die Vergangenheit zurückkehrt.

Im zurückliegenden Sommer starben in Sibirien ein zwölfjähriger Junge und mehr als 2.300 Rentiere an Milzbrand, einer Krankheit, die dort zuletzt vor 75 Jahren aufgetreten war. Die sie verursachenden Anthrax-Sporen überdauern tiefgefroren im Eis – bis Tauwetter kommt. Und es taut jetzt immer öfter. So gab der einstmals ganzjährig gefrorene Boden ("Permafrost") im sibirischen Jakutien Höhlenlöwen frei, die bis zum vergangenen Herbst mindestens zehntausend Jahre lang wie in einer Zeitkapsel erstarrt waren. Die auftauende Arktis bringt inzwischen so viele Knochen von Mammuts zum Vorschein, dass ein lebhafter Handel mit den Stoßzähnen der seit 4.500 Jahren ausgestorbenen Tiere in Gang kommt.

Das Bestiarium vergangener Epochen ist genauso gefrorene Erdgeschichte wie das Eis selbst: Mit seinem Auftauen kehren Ozeane zurück, deren Küstenlinien einst weit im heutigen Binnenland lagen. Dieses uralte Wasser speist künftig die Extremwetter, welche Maria und ihre Altersgenossen erleben werden, den Meeresspiegelanstieg, den sie sehen werden. In Grönland wiederum, wo die globale Erwärmung sich schon jetzt besonders stark auswirkt, fiel in diesem Jahr ein ungewöhnlich früher Frühlingsregen. Er legte eine uralte Gesteinsformation frei, in der Forscher Fossilien fanden, die sie als Überbleibsel der ältesten bekannten Mikroben interpretieren. Dort kommen sozusagen Marias früheste Vorfahren nach fast vier Milliarden Jahren wieder ans Tageslicht.

Alte Krankheiten, prähistorische Tiere, uralte Lebensspuren: All das bringt der Mensch mit geborgter Kraft aus Millionen Jahre alten Wäldern in die Gegenwart. Er verbrennt die Steinkohle aus dem nach ihr benannten Erdzeitalter Karbon (vor rund 300 Millionen Jahren) und die Braunkohle des Tertiärs (das vor mehr als 60 Millionen Jahren begann), dazu Erdöl, das vor mehr als 100 Millionen Jahren aus winzigen Meereslebewesen entstanden ist. Äonen alte Sonnenenergie, von längst vergangenen Lebensformen in Biomasse umgewandelt und als Energieträger auf Kohlenstoffbasis tief im Gestein begraben – dieser Sprit befeuert seit gut 150 Jahren den Fortschritt, der in einem naturhistorischen Lidschlag den gesamten Planeten umformt.

Jahrhundert im Schnellvorlauf

Das 20. Jahrhundert wird in die Erdgeschichte eingehen als der Moment, in dem die Spezies Mensch ihren Lebensraum demoliert hat. Das 21. Jahrhundert wird entweder dasjenige werden, in dem sie gerade so die Kurve kriegt, oder jenes, in dem ihr Scheitern der Erde Antlitz für Jahrhunderte oder eher Jahrtausende vorbestimmt. Falls weiterhin ungebremst geheizt wird und in der Ostantarktis, wo Eis für mehr als fünfzig Meter Meeresspiegelanstieg lagert, eine unumkehrbare Gletscherschmelze in Gang kommt. Hier droht ein Automatismus, sobald erst einmal eine Schwelle ("Kipppunkt") überschritten ist.

Kurzfristig dürfte Maria selbst im glimpflichen Fall einen sichtbaren Anstieg der Nord- und Ostsee erleben. Zusätzlich zur Häufung von Hitzewellen und Tropennächten, zu stärkerem Starkregen und heftigeren Winterstürmen, auch wenn sie ihr ganzes Leben im günstig gelegenen Deutschland verbringt.

Die Flüchtlinge von heute erscheinen wie Boten aus der nahen Zukunft

"Menschenzeit" nennen einige Geologen unsere Gegenwart (Anthropozän nach griech. ánthropos für "Mensch"). Zu den Markierungen, die diese Zeitenwende in den Boden- und Sedimentschichten hinterlässt, zählen Rußpartikel aus unzähligen Schloten und Auspuffrohren. Den größten Fingerabdruck unserer Zeit hinterlassen wir jedoch in der Luft in Form der langlebigen Überbleibsel jenes Kohlenstoffs aus grauer Vorzeit.

Aber nicht nur die Vergangenheit kehrt zurück, auch die Zukunft drängt mit einem Tempo in unsere Gegenwart, dass es sich so anfühlt, als hätte jemand am Geschichts-Player die Fast-Forward-Taste gedrückt.

Am 8. August, einem Montag, war World Overshoot Day, "Weltüberziehungstag", da hatte die Menschheit nach gut sieben Monaten schon ihr symbolisches Jahressoll an natürlichen Ressourcen verbraucht. Seitdem leben wir für den Rest dieses Jahres von der Substanz unseres Planeten, überziehen auf Kosten zukünftiger Generationen. Über die exakte Berechnung des Overshoot Day mag man streiten. Sorgen sollte man sich, weil er jedes Jahr etwas weiter im Kalender nach vorne rückt. Wenn Maria in die Grundschule geht, wird wohl schon im Juli das Jahressoll überzogen. Bis sie auch nur volljährig ist, werden wir (falls es im heutigen Tempo weitergeht) so viel mehr Treibhausgas ausgestoßen haben, dass die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels unwahrscheinlich, das eigentlich in Paris verabredete Anderthalb-Grad-Ziel kaum erreichbar sein dürfte. Irgendwann um das Jahr 2030 herum begänne also eine Überziehung im Jahrhundertmaßstab. Gleichzeitig sieht das Pariser Abkommen einen Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung erst irgendwann in der Jahrhundertmitte vor. Wie das zusammenpasst? Gar nicht.

Über diesen Widerspruch sind das Heute und das Morgen schicksalhaft verbunden. Jedes Zu-wenig-Tun in der Gegenwart belastet die Zukunft mit Immer-mehr-tun-Müssen. Daher ist die Frage so wichtig, die einem bei den Meldungen aus Marrakesch in den Sinn kommt: Geht das nicht schneller? Nicht strenger? Nicht wirkungsvoller? Tatsächlich gehört zu den guten Vorsätzen aus Paris auch jener, dass die nationalen Klimaziele regelmäßig vor den Augen der Weltöffentlichkeit geprüft und verschärft werden sollen ("Hebemechanismus"). Folgen diesem Plan jetzt in Marrakesch konkrete Regeln, kann die Menschheit auf der Zeitachse noch etwas gutmachen.

Dagegenhalten muss man die Zahl 11,2 Milliarden. Das ist die mittlere Prognose der Vereinten Nationen für die Weltbevölkerung am Ende des Jahrhunderts. Ja, viele von Marias Zeitgenossen werden voraussichtlich in schlimmen Verhältnissen leben. Gleichsam als Boten aus dieser nahen Zukunft vermitteln die Flüchtlinge von heute eine Ahnung davon, wie es werden könnte, falls sich in immer größerer Zahl die global Benachteiligten auf den Weg ins Reich des Vorteils machen. Dorthin, wo kräftig konsumiert wird – und emittiert. Die Populationsstatistik sagt, im Lauf des 22. Jahrhunderts könnte die Menschheit wieder schrumpfen, vielleicht.

Aber Marias ganzes Leben lang wird sie wohl wachsen. Das kostet Ressourcen, aber es bedeutet auch, dass es aller Voraussicht nach mehr gut ausgebildete und problembewusste Menschen geben wird als je zuvor in der Geschichte. Vielleicht wird ja auch Maria Forscherin, Ingenieurin, Erfinderin. Vielleicht entwickelt sie eine Technologie, die alles ändert: zum Beispiel eine effektive künstliche Photosynthese, die überschüssiges Kohlendioxid aus der Erdatmosphäre saugt. Das wäre der Heilige Gral der organischen Chemie. Gern darf es auch ein anderes Technikwunder sein! Nie war das Potenzial an Kreativität, Fantasie, Inspiration größer als im 21. Jahrhundert. Bloß gibt es keine Garantie dafür, wann (oder ob) der entscheidende "Heureka!"-Schrei ertönt. Deshalb müssen die Emissionen schnell runter, müssen wir unsere Welt-Überziehung wenigstens mindern.

Jahrhundert im Schnellvorlauf

Pessimisten sagen, so erreiche man nie und nimmer das Zwei-Grad-Ziel. Auch der Weltklimarat baut, um bis zu Marias Lebensabend im erlaubten Rahmen zu bleiben, in seine Berechnungen "negative Emissionen" ein. Weil das eine Wette auf Techniken darstellt, die morgen erst noch erfunden werden müssen, ist heute Klimaschutz unverzichtbar, um Zeit zu kaufen.

Deshalb geht es nicht ohne Marrakeschs, ohne Reduktionsziele, ohne Klimadiplomatie und -politik. Wie klein sind da jene Zeiteinheiten, in denen entschieden wird, ob bis 2099 noch ein Happy End drin ist! Bei vier- oder fünfjährigen Legislaturperioden gibt es bis zum Jahr 2030 noch drei, vier Amtszeiten für Präsidenten, Regierungen und Minister. Auf einem Globus voller konkurrierender Krisen.

Halten wir dem entgegen, wie lange es gedauert hat, bis auf die Klimaforschung eine Klimapolitik folgte. Zur Bundestagswahl 1990 hoben die Grünen das Thema erstmals auf ihre Plakate: "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter". Vier Jahre nachdem der Spiegel den Kölner Dom ins Wasser gestellt hatte (Die Klima-Katastrophe), machte eine Partei mit Klimaschutz Wahlkampf – und flog aus dem Parlament.

Im Jahr 1988 war der Weltklimarat IPCC gegründet worden, 1990 veröffentlichte er seinen ersten Report, 1992 wurde in Rio de Janeiro die Klimarahmenkonvention unterzeichnet. Nach fast einem Jahrzehnt werden 1997 in Kyoto erstmals Ziele für eine Minderung des Treibhausgasausstoßes genannt. Ein weiteres Jahrzehnt braucht der Klimawandel, um als drängendes Problem ins allgemeine Bewusstsein vorzudringen.

Der Klimaschutz ist viel zu lahm? Stimmt. Aber er nimmt Fahrt auf

Als der vierte IPCC-Bericht 2007 erscheint, lassen sich Angela Merkel und Sigmar Gabriel mit Funktionsjacken in Grönland vor Gletschern fotografieren. Im selben Jahr erhalten der Weltklimarat und Al Gore den Friedensnobelpreis, im Kino läuft Gores Film An Inconvenient Truth. Zwanzig Jahre Anlauf waren dafür nötig gewesen. Doch dann scheitert der zum Wendepunkt stilisierte Gipfel von Kopenhagen 2009, erst in Paris gelingt 2015 der Durchbruch für den Klimaschutz als Welt-Innenpolitik.

So gesehen ist das Inkrafttreten des Paris-Abkommens binnen weniger als einem Jahr, sind die Verhandlungen in Marrakesch tatsächlich eine Beschleunigung. Dem Abkommen hat auch die Furcht vor einem US-Präsidenten Trump Tempo gemacht, aber nicht nur. Und der derzeitige Gipfel kann gar nicht ausreichend erfolgreich sein: Was immer dabei herauskommt, wird nicht genügen, um früh genug aus der Kohle auszusteigen, um rechtzeitig die Emissionen nachhaltig zu drücken.

Die Zukunft rast immer noch viel schneller auf uns zu, als wir auf sie reagieren. Doch die kollektive Reaktionszeit wird kürzer. Sofern überhaupt Anlass zur Hoffnung besteht, liegt er in dieser Beschleunigung begründet: Im letzten Vierteljahrhundert ist ja doch etwas passiert! Viel zu lahm? Stimmt, im Durchschnitt. Aber zumindest steigt das Tempo der Veränderung.

Halten wir uns vor Augen, dass die Erwachsenen von heute – also jene Leute, die Marias Generation großziehen, unterrichten und hoffentlich auch inspirieren werden – schneller neue Technik adaptieren, schneller ihr Verhalten ändern als Menschen früherer Zeiten. Zwischen der Patentierung von James Watts erster praxistauglicher Dampfmaschine und dem Start der industriellen Revolution vergingen rund 80 Jahre. 125 Jahre dauerte es von Carl Benz’ erstem "Motorwagen" bis zu der Marke von weltweit einer Milliarde verkaufter Kraftfahrzeuge.

Gemessen an solchen Zeiträumen, ist es geradezu irrwitzig schnell, wenn das kleine Norwegen ab 2025 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zulassen will, um das Klima zu schützen. Und in Deutschland – sechstgrößter CO2-Emittent und drittgrößter Autohersteller der Welt – kämpft die Motorlobby erbittert gegen den Plan, es den Norwegern fünf Jahre später gleichzutun. Maria wird ihre ersten Fahrversuche wohl in einem Elektroauto unternehmen, falls sie überhaupt noch einen Führerschein braucht. Denn nicht nur der technische, sondern auch der gesellschaftliche Wandel geht schneller als jemals zuvor vonstatten.

Aus der Perspektive des gigantischen atmosphärenchemischen Experiments, das die Menschheit unbeabsichtigt mit der Industrialisierung begonnen hat und erst seit wenigen Jahrzehnten zusehends versteht, leben wir also in einer einzigartigen, paradoxen Gleichzeitigkeit: Beide, die tiefe Vergangenheit und die ferne Zukunft, ragen in unsere Gegenwart hinein. Selten hatte die Menschheit es eiliger. Denn auch wenn Marias "morgen" bis 2099 reicht – in welcher Welt sie als erwachsene Frau wohnen, was sie als Mutter, Großmutter erleben wird, dafür werden die Weichen noch während ihrer Kindheit gestellt. Also heute.

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