Das 20. Jahrhundert wird in die Erdgeschichte eingehen als der Moment, in dem die Spezies Mensch ihren Lebensraum demoliert hat. Das 21. Jahrhundert wird entweder dasjenige werden, in dem sie gerade so die Kurve kriegt, oder jenes, in dem ihr Scheitern der Erde Antlitz für Jahrhunderte oder eher Jahrtausende vorbestimmt. Falls weiterhin ungebremst geheizt wird und in der Ostantarktis, wo Eis für mehr als fünfzig Meter Meeresspiegelanstieg lagert, eine unumkehrbare Gletscherschmelze in Gang kommt. Hier droht ein Automatismus, sobald erst einmal eine Schwelle ("Kipppunkt") überschritten ist.

Kurzfristig dürfte Maria selbst im glimpflichen Fall einen sichtbaren Anstieg der Nord- und Ostsee erleben. Zusätzlich zur Häufung von Hitzewellen und Tropennächten, zu stärkerem Starkregen und heftigeren Winterstürmen, auch wenn sie ihr ganzes Leben im günstig gelegenen Deutschland verbringt.

Die Flüchtlinge von heute erscheinen wie Boten aus der nahen Zukunft

"Menschenzeit" nennen einige Geologen unsere Gegenwart (Anthropozän nach griech. ánthropos für "Mensch"). Zu den Markierungen, die diese Zeitenwende in den Boden- und Sedimentschichten hinterlässt, zählen Rußpartikel aus unzähligen Schloten und Auspuffrohren. Den größten Fingerabdruck unserer Zeit hinterlassen wir jedoch in der Luft in Form der langlebigen Überbleibsel jenes Kohlenstoffs aus grauer Vorzeit.

Aber nicht nur die Vergangenheit kehrt zurück, auch die Zukunft drängt mit einem Tempo in unsere Gegenwart, dass es sich so anfühlt, als hätte jemand am Geschichts-Player die Fast-Forward-Taste gedrückt.

Am 8. August, einem Montag, war World Overshoot Day, "Weltüberziehungstag", da hatte die Menschheit nach gut sieben Monaten schon ihr symbolisches Jahressoll an natürlichen Ressourcen verbraucht. Seitdem leben wir für den Rest dieses Jahres von der Substanz unseres Planeten, überziehen auf Kosten zukünftiger Generationen. Über die exakte Berechnung des Overshoot Day mag man streiten. Sorgen sollte man sich, weil er jedes Jahr etwas weiter im Kalender nach vorne rückt. Wenn Maria in die Grundschule geht, wird wohl schon im Juli das Jahressoll überzogen. Bis sie auch nur volljährig ist, werden wir (falls es im heutigen Tempo weitergeht) so viel mehr Treibhausgas ausgestoßen haben, dass die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels unwahrscheinlich, das eigentlich in Paris verabredete Anderthalb-Grad-Ziel kaum erreichbar sein dürfte. Irgendwann um das Jahr 2030 herum begänne also eine Überziehung im Jahrhundertmaßstab. Gleichzeitig sieht das Pariser Abkommen einen Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung erst irgendwann in der Jahrhundertmitte vor. Wie das zusammenpasst? Gar nicht.

Über diesen Widerspruch sind das Heute und das Morgen schicksalhaft verbunden. Jedes Zu-wenig-Tun in der Gegenwart belastet die Zukunft mit Immer-mehr-tun-Müssen. Daher ist die Frage so wichtig, die einem bei den Meldungen aus Marrakesch in den Sinn kommt: Geht das nicht schneller? Nicht strenger? Nicht wirkungsvoller? Tatsächlich gehört zu den guten Vorsätzen aus Paris auch jener, dass die nationalen Klimaziele regelmäßig vor den Augen der Weltöffentlichkeit geprüft und verschärft werden sollen ("Hebemechanismus"). Folgen diesem Plan jetzt in Marrakesch konkrete Regeln, kann die Menschheit auf der Zeitachse noch etwas gutmachen.

Dagegenhalten muss man die Zahl 11,2 Milliarden. Das ist die mittlere Prognose der Vereinten Nationen für die Weltbevölkerung am Ende des Jahrhunderts. Ja, viele von Marias Zeitgenossen werden voraussichtlich in schlimmen Verhältnissen leben. Gleichsam als Boten aus dieser nahen Zukunft vermitteln die Flüchtlinge von heute eine Ahnung davon, wie es werden könnte, falls sich in immer größerer Zahl die global Benachteiligten auf den Weg ins Reich des Vorteils machen. Dorthin, wo kräftig konsumiert wird – und emittiert. Die Populationsstatistik sagt, im Lauf des 22. Jahrhunderts könnte die Menschheit wieder schrumpfen, vielleicht.

Aber Marias ganzes Leben lang wird sie wohl wachsen. Das kostet Ressourcen, aber es bedeutet auch, dass es aller Voraussicht nach mehr gut ausgebildete und problembewusste Menschen geben wird als je zuvor in der Geschichte. Vielleicht wird ja auch Maria Forscherin, Ingenieurin, Erfinderin. Vielleicht entwickelt sie eine Technologie, die alles ändert: zum Beispiel eine effektive künstliche Photosynthese, die überschüssiges Kohlendioxid aus der Erdatmosphäre saugt. Das wäre der Heilige Gral der organischen Chemie. Gern darf es auch ein anderes Technikwunder sein! Nie war das Potenzial an Kreativität, Fantasie, Inspiration größer als im 21. Jahrhundert. Bloß gibt es keine Garantie dafür, wann (oder ob) der entscheidende "Heureka!"-Schrei ertönt. Deshalb müssen die Emissionen schnell runter, müssen wir unsere Welt-Überziehung wenigstens mindern.