Können Sie sich nicht auch noch daran erinnern? Wurde früher ein Kirchendach aus Kupfer erneuert, dauerte es nicht lange, bis es wieder grün war. Heute aber – man sehe sich nur mal die Dächer der Gotteshäuser St. Petri und St. Jakobi an – passiert das offenbar nicht mehr. Wieso grünen Kupferdächer nicht mehr nach? Werden sie extra behandelt, um zu verhindern, dass sie ergrünen – warum auch immer, vielleicht sogar aus politischen Gründen? Oder: Täuscht uns bloß unsere Erinnerung?

Oh ja, ein bisschen, sagt Martin Werner vom Deutschen Kupferinstitut. Dass Kupfer nicht mehr grün werde, sei eine "inzwischen weit verbreitete Annahme", so der Ingenieur, "aber dennoch nicht korrekt". Gewöhnt an die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit seien wir einfach zu ungeduldig: "Dächer, die vor 20 bis 30 Jahren mit Kupfer eingedeckt wurden und noch keine grüne Patina zeigen, sind in der Farbentwicklung völlig normal." Bei der Tonhalle Düsseldorf sei die Haube dagegen "schon etwa zwölf Jahre nach der Neueindeckung" wieder grün gewesen. Zwölf Jahre: heutzutage eine halbe (für unter 20- und über 80-Jährige: eine ganze) Ewigkeit. Früher hingegen, als wir alle noch mehr Zeit hatten, weil wir sie nicht auf Facebook und Twitter vertändelten – nein, halt: Noch etwas hat sich geändert. Wie schnell sich auf dem rötlich-braunen Kupfer durch Oxidation bzw. Korrosion die grüne Schicht bildet, das hängt nämlich von zwei Faktoren ab: "Je flacher die Dachneigung, je länger also die Verweildauer des Wassers auf der Kupferfläche ist", so Remmer Koch, Sprecher des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Hamburg-Ost, "desto schneller entwickelt sich die Oxidschicht und bildet den grünen Farbton." Uns liegen allerdings keine Erkenntnisse vor, denen zufolge die Kirchendächer in den letzten Jahrzehnten heimlich steiler geworden seien. Doch da ist noch der zweite Faktor: die Zusammensetzung der Luft. "Die Standortfrage spielt eine entscheidende Rolle", sagt Koch. "Wo steht das Gebäude – und welche Luftbelastung gibt es dort?"

Und da ist er, der entscheidende Punkt. Unsere Luft ist im Vergleich zu den siebziger und achtziger Jahren viel sauberer geworden. "Bei saurem Regen durch das Verbrennen schwefelhaltiger Brennstoffe, zum Beispiel in Kohleöfen, oxidierte das Kupfer früher schneller", sagt Jörg Seifert vom Denkmalschutzamt Hamburg. Heute dagegen bleibt das Metall auf den Kirchendächern, der Umweltbewegung sei Dank, länger kupferrot. Unsere Erinnerung, sie trügt uns doch nicht!

Aber es gibt auch eine Kehrseite. Die Oxidationsschicht sieht nicht nur romantisch aus, sie konserviert auch. Und wenn sie fehlt, das merkte man vor zwei Jahren in Hannover beim Dach des Stadionbades, kann es sein, dass der Regen weit mehr Kupferpartikel ins Wasser schwemmt, als die Grenzwerte es erlauben.