Ich sah ihn auf der Straße liegen", sagt Estelita Rodrigo, und dann: "Er lag neben einem Müllhaufen." Wie weggeworfen, wie ein Stück Dreck, wertlos. In seiner Stirn hatte ihr Enkel Lloyd eine Schusswunde. Das war am frühen Morgen des 31. August. Stunden zuvor, erinnert sich die Großmutter, hatte der 20-Jährige ihr noch Lebensmittel vorbeigebracht. Dann fuhr er mit dem Fahrrad weg. Als sie ihn das nächste Mal sah, lag er neben dem Müll, tot. Im Polizeibericht heißt es: Unbekannte Killer auf einem Motorrad hätten ihn umgebracht – und dass Lloyd ein "bekannter Drogenhändler/-kurier" gewesen sein soll.

Im Gesicht von Estelita Rodrigo kann man keine Gefühle mehr lesen, auch nicht Trauer oder Zorn über den Mord an ihrem Enkel. Die Züge der 73-Jährigen sind gezeichnet von einem Leben in Armut am Rand der Gesellschaft, erstarrt und erstorben. Seit 1959, erzählt sie, wohnt sie in diesem Verschlag in einer Slumsiedlung in der philippinischen Hauptstadt Manila. Gut sechzig Familien leben hier in einer Gasse mit Blech- und Sperrholzbuden zu beiden Seiten. Nie hat der Staat sich für Estelita und ihre Leute interessiert. Bis der neue philippinische Präsident Rodrigo Duterte seinen Drogenkrieg begann.

Zu Tausenden sind mutmaßliche Rauschgiftkriminelle seit diesem Sommer, seit Dutertes Amtsantritt, auf den Philippinen umgebracht worden. Teils bei offiziellen Polizeioperationen, in denen die Sicherheitskräfte angeblich auf bewaffnete Gegenwehr gestoßen sind. Teils durch Killerkommandos, mit denen die Polizei nichts zu tun haben will. In geradezu blutrünstigen Reden hat der Präsident einen Ausrottungsfeldzug gegen die "Drogenpersönlichkeiten" verkündet. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Lloyd Rodrigo mit staatlicher Billigung außergesetzlich exekutiert wurde. Aber das Muster ist so bekannt, die Liquidationsmentalität der Anti-Drogen-Kampagne so gut bezeugt, dass man es annehmen muss.

Die brutale Grenzüberschreitung ist Präsident Dutertes Markenzeichen: Er hat über die Vergewaltigung einer Nonne gescherzt, den amerikanischen Präsidenten einen "Hurensohn" genannt und erklärt, unter seiner Führung würden die Philippinen zusammen mit Russland und China "gegen die Welt" stehen.

Dutertes Aufstieg ist ein Schock: Die Philippinen sind ein freies Land mit einer eher entspannten politischen Kultur, sie waren lange gekennzeichnet von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt, es ging nicht so schnell wie in anderen asiatischen Staaten, doch es bewegte sich was. Und auf einmal werden sie von einem autoritären Gewaltmenschen regiert. Von einem Seelenverwandten Putins oder Erdoğans, nur noch exzentrischer, noch unberechenbarer. Seine Anhänger haben ihn in voller Kenntnis seiner Aggressivität gewählt und unterstützen ihn laut allen Meinungsumfragen unverändert.

Lloyd Rodrigo gehörte zu den Randgestalten der Gesellschaft. Er verdiente sein Geld mit der gleichen Arbeit, die seine Großmutter Estelita macht, die sie alle hier verrichten: Die Menschen im Slum leben davon, den Müll der umliegenden Stadtviertel nach verwertbaren Resten zu durchsuchen – Glas- oder Plastikflaschen, Papier, Metallschrott. In einer Art Lagerhalle in der Nähe werden die Fundsachen an einen Altwarenhändler verkauft. Das ist die legale, nicht kriminelle Ökonomie für die Ärmsten in der 13-Millionen-Metropole Manila.

Um wenigstens ein bisschen Geld dazuzuverdienen, steigen viele in den Drogen-Kleinhandel ein. Sie handeln mit shabu, so nennen sie im lokalen Slang die synthetische Droge Crystal Meth. Rund 80 Prozent der Leute in der Slumsiedlung nehmen shabu, schätzt einer von Estelitas Nachbarn. Es ist es gut möglich, dass auch Lloyd Rodrigo damit dealte. Seine Großmutter sagt, sie habe davon nichts gewusst.