Vor einigen Tagen, noch bevor die Proteste in Marokko ihren Anfang nahmen, fotografierte meine Schwester ein altes Bild ab und schickte es mir per WhatsApp. Und so erschien das Gruppenfoto meiner dritten Klasse aus dem Schuljahr 1997/98 auf meinem Smartphone. Ich fühlte mich in die alte Grundschule versetzt, die im zentralmarokkanischen Meknès liegt.

Links auf dem Bild ist der strenge Direktor zu sehen. Wir Kinder hassten ihn, weil er uns oft ohne Grund anschrie. Außen rechts steht meine Lieblingslehrerin, Frau Rachida. Ich lächele oben in der Mitte in die Kamera, obwohl mich meine Mutter für den Fototermin bei über 30 Grad Hitze in ein blaues Sakko gezwungen hatte. Mein damaliger bester Freund, Ahmed, steht in der mittleren Reihe. Sein Vater war Lebensmittelgroßhändler, mein Vater ein ehemaliger Gastarbeiter und Rentner aus Deutschland. Unsere Familien gehörten zur Mittelschicht.

Ich schaute mir das Foto eine ganze Minute lang an, zoomte rein, um die Gesichter zu erkennen – bis mir wieder einfiel, dass knapp die Hälfte meiner damaligen Mitschüler auf dem Bild fehlt. Denn jene Kinder, deren Familien sich die zehn Dirham, also umgerechnet einen Euro, für das Klassenbild nicht leisten konnten, durften nicht zum Fototermin erscheinen. Hamid beispielsweise. Er war der Sohn eines Straßenverkäufers, der Sonnenblumenkerne röstete und für eine Handvoll davon vier Rial, also zwei Cent, verlangte. Hamid war das arme Kind mit dem Glasauge, das mit seinen Eltern und drei Geschwistern in einer Garage hauste und die Schule in der sechsten Klasse verließ, um sich auf das Überleben seiner Familie zu konzentrieren.

So funktioniert die marokkanische Gesellschaft: Die Armen sollen unsichtbar bleiben.

Doch immer wieder flammt ihr Protest auf. Und die dadurch erzeugte politische Unruhe wirkt sich bis nach Deutschland und Europa aus, wie ich auf meiner Reise durch Marokko herausfinden sollte.

Bevor ich davon erzähle, eine kurze sprachliche Einführung: Das maghrebinische Wort Hogra beschreibt die gewalttätige Missachtung und Entwürdigung der Bürger durch den Polizeistaat. Der Begriff ist in ganz Nordafrika fester Bestandteil der Alltagssprache. Er kommt in Volksliedern, Filmen und Erzählungen vor. Und man hört ihn auf Demonstrationen, wie jetzt in Marokko.

In Marrakesch tagt derzeit die UN-Weltklimakonferenz; Marokkos Regierung und vor allem das Königshaus wollten die Gelegenheit nutzen, um das funkelnde, kosmopolitische, luxuriöse, touristische, grüne und schöne Marokko zu inszenieren. Doch ein einfacher Fischverkäufer, der Opfer der Hogra wurde, verdarb König Mohammed VI. die Show.

Am Abend des 28. Oktober 2016 kam Mohcine Fikri ums Leben. Viele Marokkaner sind der festen Überzeugung, dass der 31-jährige Fischverkäufer ermordet wurde. Die Polizei hatte zuvor eine Ladung Schwertfisch, die Fikri im Hafen erworben hatte, konfisziert und im Müll entsorgt. Der Fischhändler sprang spontan in den Müllwagen, um seine Existenz zu retten, als ein noch nicht identifizierter Beteiligter den Hebel für die Müllpresse betätigte. Der Vorfall ist in voller Länge auf YouTube dokumentiert. Ein Bild, das den leblosen, zerquetschten Körper von Mohcine Fikri auf der Ladefläche des Müllwagens zeigt, löst bis heute landesweite Massenproteste aus. Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich mit seinem Schicksal identifizieren: Fikri hatte nie eine Chance auf Bildung, er versuchte sich unter anderem als Gemüsehändler, Verkäufer für Tupperware oder Taxifahrer, nie reichte es zum Überleben, am Ende wurde er zerquetscht.

Die kleine nordmarokkanische Stadt Al-Hoceïma, wo sich diese Tragödie abspielte, ist ein touristisches Traumziel: ruhige Meeresbuchten, endlose Sandstrände, Sonnengarantie im November. Mein Vater stammt aus dieser Region, ich kenne mich hier also ganz gut aus, und so wundert es mich nicht, dass es einige Stunden dauert, bis ich mich mit Sammeltaxen und Bussen nach Al-Hoceïma durchgeschlagen habe. Der Staat investiert auffallend wenig in die hiesige Infrastruktur. Mit jedem Schlagloch und jeder gefährlichen Kurve erahne ich, wie wütend die Menschen hier sein müssen.

Die Rifis, wie sich die Bewohner der Region nennen, sind keine Araber, sondern gehören zu den Ureinwohnern Nordafrikas. Zur Hogra, unter der alle Marokkaner leiden, kommt hier noch staatlicher Rassismus hinzu. Eine Abgeordnete im Parlament in Rabat beispielsweise nannte die Demonstranten "menschlichen Abschaum". Sie bekam deswegen zwar Ärger, sprach aber aus, was die meisten Entscheidungsträger in der Hauptstadt Rabat von den Bewohnern der Provinz halten. Die Rifis sprechen ihre eigene Sprache, pflegen ihre eigene Kultur, sind besonders religiös, konservativ und stolz auf ihre Geschichte, die vom Kampf gegen die spanischen Besatzer erzählt. Wenn Rifis von ihrer heutigen "Schlacht gegen die Hogra" sprechen, kommen sie immer wieder auf den Unabhängigkeitskrieg zurück.