Ich pflücke Zwetschgen im Großeltern-Garten und schlafe auf dem Bauernhof im Stroh. So hätte ein Primarschul-Aufsatz von mir zum Thema Heimat anfangen können. Dabei habe ich gar nie auf einem Bauernhof übernachtet; den Großteil meiner Kindheit verbrachte ich in Zürich, wo meine Mutter auf dem Spielplatz erst herumliegende Spritzen entsorgte, bevor wir losrennen durften. Aber das passte wohl nicht zu meinem Heimatbegriff, der noch heute wabernd und fremdbestimmt ist.

Ich kann das Wort nicht ganz loslösen von der gelben Sonne der SVP, die mich als Kind so gewinnend anstrahlte – bis mir erklärt wurde: Die ist konservativ, die will immer nur Bauernzmorgen und Leute wie uns fressen. Trotzdem und deshalb war ich überzeugt: Heimat ist auf dem Land, ist das Einfamilienhaus, in dem schon Vater und Großvater aufgewachsen sind, dessen Stube mit dem Kachelofen noch genauso aussieht wie vor hundert Jahren. Heimat ist ein Dachboden voller verstaubter Erinnerungen an mehrere Generationen und das Herumstöbern darin eine Art In-Kontakt-Treten mit den Ahnen. Wie können da die vielen Stadtwohnungen, in denen ich aufgewachsen bin, Heimat sein, wenn ihnen doch das Wichtigste fehlt: Konstanz, Unveränderlichkeit, eben Konservativität?

Gleichzeitig verlor das Wort Heimat an Heimeligkeit und wurde zur Farce, weil ebendiese falsch lachende Sonne es für sich und ihre fremdenfeindliche Propaganda beschlagnahmte. Damit wollte ich nichts zu tun haben: Behaltet euren Butterzopf und eure Fleischkäse-Heimat! Mit Panzerotto und Döner am Helvetiaplatz könnt ihr’s eh nicht aufnehmen!

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Heimat wurde etwas Imaginäres, eine vogelzwitschernde Illusion, die es in Realität nicht geben konnte. Ich sah ja selber, wie sogar das Dorf der Großeltern zersiedelt, der Zwetschgenbaum gefällt wurde. Später, mit der ersten eigenen Wohnung, wurde die Antwort banal: Heimat ist da, wo meine Sachen sind. Ich fühle mich fast überall zu Hause, solange ich ein paar Kleider und Lieblingsbücher um mich herum habe. Und wenn im Winter in der heizungslosen Altbauwohnung im Ofen die Holzscheite knistern, was gibt es Heimatlicheres? (Außer der Gedanke, dass bald die gesamte Häuserzeile abgerissen wird und stattdessen unbezahlbare, seelenlose Glasbauten rangeklotzt werden. Ist Heimat vielleicht wirklich etwas Konservatives?)

Oder gestern. Da habe ich von Ovomaltine geträumt, die ich dann des Tages, trotz Globalisierung, im Berliner Supermarkt nicht fand. Ist das etwa Heimat?, fragte ich mich, der Ort, wo unsere Produkte zu Hause sind?

Und trotzdem kann ich die Momente nicht leugnen, in denen mich ein tief anrührendes Gefühl überkommt. Ein süßer Schmerz, der sich verflüchtigt, sobald man ihn festmachen will. Ich fing an, solche Auslöser zu erkennen und zu suchen: zum Beispiel Plumcakes, diese quadrig-gelben italienischen Küchlein. Der erste Biss weckt süß geborgene Erinnerungen, beim zweiten verdrücke ich wehmütig ein Tränchen. Beim dritten wird mir schlecht. Essen ist ein gutes Einweckglas für Heimatgefühle. Meist überrumpeln einen die Sinne aber an den entlegensten Orten: Javelgeruch oder heiseres Altfrauenlachen katapultieren mich jederzeit in diesen sehnsüchtigen Zustand, wecken eine vergangene Ahnung an einen heiligen Moment in der Kindheit.

Es heißt, Heimat sei der Ort, an dem man aufgewachsen sei, wo man erste, für immer prägende Erlebnisse erfahren hat. Aber was, wenn es nicht nur einen Ort gibt und sich diese Schauplätze ständig verändern, genauso wie die Menschen, die Teil von ihnen sind oder waren? Was bleibt, ist die Erinnerung – meist an Schönes, oder? Bilder der neunziger Jahre: Meine jungen Eltern, Frühstück auf der Wandbank zwischen den Geschwistern, der Milchwagen bei den Großeltern auf dem Land, die verbotene BSE-Mettwurst im Kühlschrank der Nonna, Herbstspaziergang in raschelndem Laub, die Fühler von Schnecken am Straßenrand, der einschläfernde Geräuschpegel bei Erwachsenenfesten ...

Heimat ist das, was man verloren hat: Die kindliche Geborgenheit, in die man sich zurücksehnt.

Doch die idyllischen Erinnerungen sind ein wackliges Gerüst, wohl zu einem erheblichen Teil aus kindlicher Fantasie konstruiert. Und je länger man sie hinterfragt, desto mehr verschwimmen die schönen Werte der vermeintlich heilen Vergangenheit. Diesen Halt wird einem unter den Füßen weggezogen, verliert man die Orientierung, wird heimatlos.

Wahrscheinlich ist das Schreiben ein Versuch, mir selbst so etwas wie eine Heimat zu fabrizieren, eine passende Welt zu bauen, in die ich lesend zurückkehren kann. Und wie schön ist es erst, wenn man ein Buch entdeckt, ein Gedicht, das den Effekt von Javelwasser hat – in dem man sich erkennt, zu Hause fühlt und einnisten möchte, um da, geschaukelt zwischen weichen Brüsten, ein wenig zu bleiben.