In Nicholas Treadwells Galerie gilt die Devise: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Wenn man die Räume im 4. Wiener Bezirk betritt, die mit ihren orangefarbenen Wänden und dem gelben Teppich so wirken wie eine Mischung aus Wellness-Oase und dem Ashram des Bhagwan aus Poona, dann sollte man sich darauf gefasst machen, dass das eigene Weltbild durcheinandergewirbelt wird. Denn diese Kunst ist speziell: Die Skulptur eines griechischen Gottes mit wohldefinierten Muskeln, aber gebeugt unter dem Gewicht eines überdimensionalen Hundekopfes, den er auf die Schultern gewuchtet hat. Ein paar Meter weiter schockt in einer Vitrine ein männlicher Torso mit hervorquellenden Augäpfeln, der aussieht, als sei er direkt aus der Pathologie in dieser Ausstellung gelandet.

"Traditionelle Kunstgalerien mit ihrem weißen Anstrich wirken wie Kathedralen", sagt Treadwell, dessen Kleidung vom Jackett bis zu den Schuhen in rosa Farbtönen leuchtet und der sogar das wenige noch verbliebene Haupthaar pink gefärbt hat. "Man fühlt sich als Besucher nicht willkommen und hat das Gefühl, dass man eigentlich nur flüstern darf."

Eine Galerie, wie Nick Treadwell sie versteht und wie er sie seit 53 Jahren an unterschiedlichen Standorten betreibt, verfolgt ein anderes Konzept: Sie ist sowohl ein Grand-Guignol-Theaterspektakelraum wie auch ein Ort des sozialen Miteinanders, an dem es laut werden darf; eine Zone der visuellen Überwältigung und ein Rückzugsgebiet, in dem schlechter Geschmack als subversive Geste gegen die Mainstream-Kultur zelebriert wird.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Derzeit läuft in den frisch renovierten Räumen in der Großen Neugasse, die sich wie ein Schlauch weit hinein in das Gebäude erstrecken, die Gruppenschau Earthly Delights, die von der fantastischen Kunst des Hieronymus Bosch inspiriert ist. Aber gleichgültig, wie der Titel der gerade aktuellen Ausstellung von Nicholas Treadwell auch lauten mag – allen Werken, die man darin zu sehen bekommt, sind ein paar Merkmale gemeinsam, die über Jahrzehnte unverändert geblieben sind, auch wenn die kulturellen Moden sich mehrfach geändert haben mögen. Es ist eine Kunst des Dunklen und Dämonischen, die im Anschluss an die schwarze Romantik und an Charles Baudelaire die Schönheit des Hässlichen feiert – der französische Dichter hatte von " la beauté du mal " gesprochen – und die ein groteskes Paralleluniversum hinter der wahrnehmbaren Welt sichtbar machen möchte. Dieses Programm lag und liegt quer, sowohl zum Mainstream wie auch zur etablierten Avantgarde.

Immer wieder seien die Kunst und die Künstler, die er repräsentiere, mit dem Etikett des schlechten Geschmacks versehen und mit Hass und Häme überschüttet worden, sagt der Galerist: "Englische Zeitungen wie der Guardian schrieben, man solle Treadwell und seine masturbatorischen Künstler verhaften. Einmal hieß es sogar: 'Er ist für die zeitgenössische Kunst das, was McDonald’s für die Haute Cuisine ist.'"

Nicholas Treadwell ließ sich von der Polemik nicht beeindrucken und machte weiter. Als er 1974 in Berlin in der Neuen Nationalgalerie Schlüsselwerke der Neuen Sachlichkeit sah, fühlte er sich bestätigt: "Da waren Werke von Otto Dix zu sehen, sein unglaubliches Antikriegstriptychon, Männer auf Krücken, Schreckensbilder. Und Arbeiten von George Grosz, die Prostituierte zeigten und alte Männer mit jungen Mädchen. Alles sehr grell und farbig. Ich dachte: Endlich habe ich die Geschichte jener Kunst gefunden, an der ich interessiert bin, und kehrte wesentlich selbstbewusster nach London zurück, als ich weggegangen war."

Wenn ihn die Kunstkritiker und Nobelgaleristen nicht an ihrem Spiel teilnehmen lassen wollten, dann würde er eben ein eigenes erfinden. Und so dachte er sich gleich eine ganze neue Kunstrichtung aus: den Superhumanism, eine Kunst aus dem Volk für das Volk. Seitdem zelebriert der Außenseiter unter den Kunsthändlern eine urbane Ästhetik, die, geerdet im mal du siècle, sich kritisch mit den Exzessen der westlichen Zivilisation auseinandersetzt und zur visuellen Übertreibung neigt.

Repräsentiert wird dieser Stil von den Künstlern, die Nick Treadwell in seinen Ausstellungsräumlichkeiten zeigt. John Holmes, der erste bedeutende Maler, den der Galerist entdeckt und ausgestellt hatte, war Packer am Londoner Fleischmarkt, als er mit einer Serie von Bildern über den Prostituiertenmörder Jack the Ripper debütierte – und ein geradezu idealer Repräsentant einer Kunst, die ohne großen theoretischen Überbau die condition humaine aus der Sicht der Arbeiterklasse erforschen wollte. Eine Kunst, die, so Treadwell in seiner Autobiografie Kiss my Art , "sehr traurig" sein sollte, zugleich aber auch "sehr lustig, zynisch, schockierend, depressiv, in hohem Maße verstörend, politisch kritisch, sexuell explizit, ironisch, berührend und fast unweigerlich unverkäuflich".