Hinter dem Gittertor der Werft weht über die Brachen an der Weichselmündung ein nasskalter Wind, November eben. Ein paar Arbeiter eilen im Regen durch das Tor, über dem riesenhaft "Stocznia Gdańska" steht, dem Feierabend entgegen. Hier, am Tor 2 der ehemaligen Lenin-Werft, sind im Dezember 1970 streikende Arbeiter erschossen worden, hier lagerten im August 1980 die Kameraleute der Welt, als der neuerliche Werftarbeiterstreik um den Elektriker Lech Wałęsa für freie Gewerkschaften kämpfte; die Stadtbevölkerung reichte Essen und Blumen durchs Gitter. Hier hat die Gewerkschaft Solidarność im Dezember 1980 dann, hoch in den Himmel hinein, das Drei-Kreuze-Denkmal errichtet, das an die Ermordeten von 1970 erinnert.

Genau hier, hinterm Gitter von Tor 2, steht seit Kurzem das Europäische Solidarność Zentrum, ein schiffsrumpfgleicher Museumsbau aus kunstvoll rostendem Eisen und Glas, ein Erinnerungsort der europäischen friedlichen Revolution, mit Bibliothek, Forschungszentrum und einer Dauerausstellung zu jenem polnischen Widerstand, der die Teilung Europas beendete. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, in der in Berlin plötzlich die Mauer aufging, kommt in diesem Museum, das die freie Stadt Danzig als Wiege des liberalen, offenen Europas versteht, eher am Rande vor. Seit seiner Eröffnung 2014 hat dieser Ort Hunderttausende angezogen.

Im Foyer picknicken gerade zwei Familien mit ihren Kindern: Abendbrotzeit. Im Hörsaal tagt die Konferenz "On Solidarity", die auf Einladung des angesehenen Wiener Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) seit zehn Jahren Intellektuelle aus Ost- und Westeuropa zusammenführt, in diesem Jahr auch Journalisten des europäischen Zeitungsnetzwerks Eurozine, nun absichtlich erstmals in Danzig und zum ersten Mal öffentlich. Es soll ein vernehmbares Signal der Sorge sein: Das Gespenst der illiberalen Demokratien geht um in Europa, es zieht der Solidarität den Nationalismus vor; was können in solchen Zeiten liberale Zivilgesellschaften und ihre Kulturinstitutionen noch ausrichten?

In Polen trotzen die Städte dem Regierungskurs, das internationale Danzig voran, es will der Gastgeber für offene Gesellschaften sein, jetzt erst recht: Hier in Gdańsk steht Bürgermeister Paweł Adamowicz für eine immigrationsoffene Stadt, und der Historiker Paweł Machcewicz, Direktor des neuen Weltkriegsmuseums, das Anfang 2017 eröffnen soll, kämpft gegen nationale Kulturpolitiker für ein realistisch-kritisches Geschichtsbild der Polen, und also kämpft er um sein Museum. Auch im jungen Solidarność Zentrum hinter Tor 2 bietet die städtische Offenheit jeder Borniertheit die Stirn, sein Direktor ist der weltläufige Basil Kerski, Sohn irakisch-polnischer Eltern, geboren in Danzig, und nun empfängt er die Konferenzgäste persönlich, Seite an Seite mit dem Vizebürgermeister der Stadt und der Direktorin des IWM, der Inderin Shalini Randeria. Als komme es auch darauf an, aus Danzig den Kameras solche Bilder der multiidentitären Bürger Europas zu zeigen.

Die Kinder trollen rein in den Hörsaal und wieder raus. Wie kann es sein, fragt drinnen der bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev vom IWM, dass wir freier sind denn je und zugleich so ohnmächtig wie nie? Die Politologin Ulrike Guérot will geschwisterlich die Fraternité der Französischen Revolution im Sinne Hannah Arendts beerben, der polnische Publizist Aleksander Smolar ringt um das Erbe der liberalen Zivilcourage, der Solidarność-Experte Michel Wieviorka aus Paris verteidigt den zivilen Freiheitsgedanken gegen das populistische Ressentiment, und der Soziologe Claus Offe aus Berlin erinnert an die Unersetzbarkeit der Institutionen: Eine europäische Steuerpolitik, ein Finanzminister Europas müsse her. Im Gespräch zwischendurch geht die Sorge um, die polnische Regierung könnte mit einer Verfassungsänderung demnächst die Freiheit der Städte einschränken. Grotesk wie einfach: So wäre alles, worum es hier geht, plötzlich kaputt.

Draußen, in der Altstadt, deren Häuser und Kirchen die polnischen Restauratoren aus den Weltkriegstrümmern wiederaufgebaut haben, fragt später ein Tourist nach dem Weg zu der Platte. Der Platte? Wo der Krieg begann. Die Westerplatte, dort, ein paar Kilometer von Tor 2 entfernt.