Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Die Europäische Union versteht sich als eine weltoffene Gemeinschaft. Das fällt ihr natürlich leicht, zumal intern vollkommene Harmonie herrscht. Ein schönes Beispiel für den Respekt vor anderen Kulturen lieferte jüngst die Rede eines deutschen EU-Kommissars. Sehr präzise beschrieb der Mann den Chinesen an sich: "Alle Anzug, Einreiher, dunkelblau. Alle Haare von links nach rechts, mit schwarzer Schuhcreme gekämmt." Damit nicht genug, bezeichnete er eine chinesische Regierungsdelegation zärtlich als "Schlitzaugen", was bei dem aufgeschlossenen deutschen Publikum für wohlwollende Heiterkeit sorgte. Leider ist die okulare Charakterisierung nicht ganz präzise, da oft nicht klar ist, ob es sich nun um japanische, koranische, chinesische oder gar indochinesische Schlitzaugen handelt. Diese "etwas saloppe Äußerung", wie der Redner selbst zugab, lässt weitere sprachliche Nationalismen erwarten. Was wird wohl passieren, wenn demnächst eine Delegation aus Afrika zu den Sauerkrautfressern und Piefkes kommt?

Wird auf ihren Tischkärtchen "Bananenbär" oder "Bimbo" stehen als Zeichen des lockeren Umgangs? Auch EU-intern ist den verbalen Liebkosungen keine Grenze gesetzt. Etwa wenn holländische Kasfresser in Österreich zu Gast sind. Oder wenn der Präsident der Katzelmacher zu den Schneckenfressern nach Frankreich auf Staatsbesuch fährt. Bei den Russen wird’s schwieriger, da ist schon die normale Nationalitätsbezeichnung Programm. Der Polacke wiederum nimmt keine Kanaken bei sich auf, während der Tschusch selbst noch nicht ganz in Europa angekommen ist. Wie auch immer, mit diesen Kosenamen wird das Gespenst des Nationalismus ganz gewiss endgültig aus Europa verbannt werden.