Wenn ihn etwas ärgert, dann sind es diese Leute, die auf seine Bilder starren und inmitten all der Formen und Farben ein Stück Rasen suchen, einen Ball oder wenigstens den Umriss eines Tores. Die nicht loskommen können von der Erinnerung an das erste Leben dieses Mannes, in dem er auch ein Künstler war. Die meinen, dieser Mann sei lediglich ein Fußballrentner, der jetzt ein bisschen malt.

Rudi Kargus, 64 Jahre alt, war – was vielleicht nicht mehr alle wissen – Torwart beim Hamburger SV. Ein Großer in der großen Zeit des Vereins, damals in den Achtzigern. Lange her, das wird einem heute grausam klar. Im Sturm Horst Hrubesch, "das Kopfballungeheuer", auf dessen Schädel Manfred Kaltz die Flanken schlug. Hinten im Tor stand er, Rudi Kargus, der Elfmetertöter. Der hielt den Laden dicht, fischte 24 Elfer weg, bis heute kann das keiner sonst noch von sich sagen. Wer auf Kargus zielte, der hatte weiche Knie.

Er hat die blaue Strickmütze tief in die Stirn gezogen. Sein Blick wandert über die Bilder, seine Werke, die eine Galerie in Hamburg-Ottensen aufgehängt hat. Kargus ist bei Markus Lüpertz in die Schule gegangen, mittlerweile sprechen die Kataloge seiner Ausstellungen "von künstlerischer Meisterschaft". Manchmal macht der ehemalige Torwart den Eindruck, als könne er das alles noch gar nicht glauben. Selten hat sich ein Mensch so neu erfunden wie Rudi Kargus. Knapp 500 Bundesligaspiele hat er absolviert, diese Einsätze stecke man nicht einfach so weg, sagt er. Als Fußballer lerne man, "zu beißen, ein Ergebnis zu erzwingen". Wieder und wieder beißen. "Versuchen Sie das mal in der Kunst, damit kommen Sie nicht weit."

In den vergangenen Jahren ist er immer mal wieder zu den Spielen des HSV ins Volksparkstadion gekommen. Fragen zur Taktik, zum Trainer oder zur Zukunft hat er bei diesen Besuchen nur ungern beantwortet. "Ich bin nicht nah genug dran", er bitte sehr um Verständnis. Es schien, als wolle er die Distanz, die er sich geschaffen hatte, auf keinen Fall gefährden. Die ist ihm kostbar. Da fuhr er lieber weit vor dem Schlusspfiff wieder zurück in sein Atelier im Norderstedter Wald im Norden von Hamburg.

Und jetzt, nach dem Debakel gegen Dortmund? Am Telefon am Sonntag nach dem Spiel gesteht Rudi Kargus leise, dass auch er im Stadion gewesen sei, "ein grausames Erlebnis".

Ob es nicht eine gute Lösung sei, dass der Verein eine Pause mache und zur Genesung in die Zweite Liga absteige? Einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Die Frage schien Kargus den Rest zu geben. "Was soll Ihr Anruf?", entfuhr es ihm. Warum man ihn immer wieder zwinge, sich in seinen Gedanken mit dem Hamburger SV zu beschäftigen? "Wie kommen Sie darauf, dass ich das noch will?"

Mit den Hamburgern gewann Kargus 1976 den DFB-Pokal, 1977 den Europapokal der Pokalsieger und 1979 die Deutsche Meisterschaft – so viele klingende Titel, dass man kaum noch mitkommt. Lange vorbei. 1980 verließ er die Stadt, spielte noch ein paar Jahre in der Zweiten Liga, dann, mit 38 Jahren, hörte er mit dem Profifußball auf, "mein Kindheitstraum hatte sich erfüllt". Was sollte da noch groß kommen? "Ich fing an, auf einem Blatt Papier ein bisschen herumzukritzeln."

Und jetzt steht er da in seiner Ausstellung in Hamburg-Ottensen vor diesen rauen, kolossalen Bildern.

Ein Gespräch nur über die Kunst, und nicht plötzlich doch über den Hamburger SV. So ist es vereinbart. "Was sehen Sie auf den Bildern?", will Kargus wissen. "Jedenfalls ist auf ihnen sehr viel los!" Die Antwort des Besuchers gefällt ihm. So sieht Kargus das auch.

Also kein Wort über den Hamburger Sportverein! Nach einer Weile hält es Rudi Kargus aber offenbar selbst kaum noch aus. Er sei zweimal beim Hamburger SV entlassen worden, erinnert er sich plötzlich. Als Spieler 1980, und danach noch einmal Anfang 1990, als er Jugendtrainer war. Beim ersten Rausschmiss schien ihm der Verein noch ganz intakt zu sein. "Beim zweiten Mal schon nicht mehr." Das sei ihm damals aufgefallen: "Jeder quatschte in den Hinterzimmern mit."

Dann wechselt Rudi Kargus das Thema und kehrt zur Kunst zurück. "Warum malen Sie eigentlich keine Bälle?", hat ihn doch gerade erst wieder jemand gefragt.