Zur Abwechslung weder Clinton noch Trump, sondern Putin, der im kommenden Jahr einen Krieg gegen die Nato anzetteln wird. So steht’s jedenfalls in dem Politthriller 2017: War with Russia. Zum Schluss gewinnt ...

Der Autor, Sir Richard Shirreff, ist der frühere Vize-Oberbefehlshaber der Nato. Ein Ian Fleming, der den unsterblichen James Bond kreiert hat, ist er nicht, erst recht kein John le Carré mit seinen überkomplexen Plots. Aber Sir Richard versteht etwas vom modernen Krieg, der als "hybride Kriegsführung" durch die Gazetten rauscht.

Der General kennt auch die Computersimulationen. Der renommierte Thinktank RAND warnt: "Wie die Nato derzeit aufgestellt ist, kann sie ihre exponiertesten Mitglieder nicht verteidigen." Kann sie nicht und will sie auch nicht, grollt Sir Richard. Schuld daran seien die üblichen Verdächtigen – die britischen Appeaser, die deutschen Russlandversteher, die Griechen und Ungarn, die Putin mit Finanz- und Wirtschaftshilfe gefügig gemacht habe. Alle Nato-Partner haben zwanzig Jahre lang ihre "Friedensdividende" kassiert und abgerüstet, derweil Russland ständig zugelegt und modernisiert hat.

In dieser Jeremiade geht es literarisch recht hölzern zu. Die Russen sind die genialen Schurken. Sie haben die besseren Waffen, sie sind Meister des Propagandakriegs und der Unterwanderung – Putin als ewiger Bond-Widersacher Ernst Stavro Blofeld. Trotzdem sollten Nato-Planer den Wälzer lesen. Denn das Szenario ist hochplausibel.

Da sickern Spezialkräfte in Lettland ein und wiegeln die russischstämmige Bevölkerung auf. Zynisch ermorden sie deren Anführer, um so den lettischen Nationalisten die Schuld aufzuhalsen. Die Amerikaner, die inzwischen den ukrainischen Luftraum patrouillieren, locken sie in eine Falle. Nach dem Duell behaupten sie, es habe über russischem Boden stattgefunden – die Amis haben angefangen! Russische Truppen stoßen nach Riga vor. Sollte die Nato zurückschlagen, werde Russland taktische Atomwaffen einsetzen.

Doch kann sich die Nato nicht dazu durchringen, den Verteidigungsfall auszurufen, sie entschließt sich erst zur Gegenwehr, nachdem die Russen ein britisches und ein deutsches Kriegsschiff versenken. Doch dauert es Tage, bis US-Truppen in Europa landen ...

Die Moral von der Geschicht ist uralt: Verteidigungsbereitschaft ist besser als Gegenoffensive. Wer schon da ist, muss nicht wiederkommen, um aus der schwächeren Position zu kämpfen. Einer der Helden in 2017 sinniert: "Wenn die Russen drin sind, können sie kaum zurückgeworfen werden." Wer aber frühzeitig Truppen und Gerät an der Außengrenze stationiert, zwingt dem Gegner die schicksalhafte Last der Eskalation auf. Abschreckung ist einfacher, vor allem unblutiger als Rückeroberung. Die Russen "müssten von vornherein wissen, dass sie auf andere Nato-Kräfte schießen, wenn sie die Letten angreifen". So war es weiland entlang der Elbe, wo die Bundeswehr in einer "Schichttorte" mit den Nato-Partnern eingebettet war. Vierzig Jahre lang blieb die Grenze stabil.

Dazu braucht man keine Thriller, und die Nato agiert bereits nach dieser Einsicht. Deshalb sollen jetzt vier multinationale Bataillone im Baltikum ständig Flagge zeigen. Russische Divisionen können die nicht stoppen. Aber sehr wohl für verschärftes Nachdenken im Kreml sorgen.