Schweiz als Heimat? heißt ein Buch von Max Frisch, das ich meiner Mutter zu Weihnachten schenkte, als sie aus der Schweiz wegzog. Da war ich 18. Ich hatte das Buch nicht gelesen, weil mich die Frage nicht beschäftigte. Nicht interessierte. Ich hatte andere Sorgen, quälte mich durch meine Pubertät, und wenn mich jemand fragte, was eigentlich los sei mit mir (und das kam immer wieder mal vor), dann faselte ich irgendwas von wegen "Sarah hat mich verlassen" oder "Ausbeutung der Dritten Welt".

Heimatgefühle? Kannte ich nicht. Jahrelang überkam mich Wut, wenn meine Freunde ihre Liebe zur Schweiz zelebrierten. Einmal, als ich mit Freunden durchs Piemont reiste, wir schliefen im Auto, gaben unser Geld für gutes Essen aus, da sagte einer auf dem Heimweg, wir waren schon in der Nähe des Vierwaldstättersees: "In der Schweiz ist es eben doch am schönsten." Ich hätte ihn erwürgen können, als wir an saftigen Wiesen und dicken Kühen vorbeirasten.

Woher kam dieser Hass, der mich immer dann überfiel, wenn jemand die Schweiz überschwänglich lobte und emotional wurde beim Gedanken an einen Nussgipfel, an die Lauben in der Berner Altstadt. Was mich bei Italienern nie störte, brachte mich bei Schweizern in Rage.

Dabei hätte ich dankbar sein können. Schließlich hatte das Land meinen Vater aufgenommen, als er 1956, fast auf den Tag genau vor sechzig Jahren, aus Ungarn vor den Kommunisten floh. Er fand hier Sicherheit, Wohlstand, eine Karriere. Wieso wollte ich stattdessen immer weg aus dieser Schweiz – und bin doch meist geblieben?

Ich beneidete meine Freunde. Nicht um ihr süßes Nussgipfel-Glück, sondern um ihre Emotionen. Dass sie die Schweiz in einem Augenblick überschwänglich loben und im nächsten beschimpfen konnten. Ich wollte auch hadern, mich abmühen. Doch ich fand mich in einer seltsamen Blase, gemacht aus Gleichgültigkeit; lief taub durch die Straßen im Gefühl, hier keine Spuren zu hinterlassen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ich hatte die längste Zeit meines Lebens keine Ahnung, wo ich hingehöre, und redete mir ein, in diesem Transitraum lebe es sich am besten: zwar hier, aber doch nicht angekommen, zwar dabei, aber doch nicht ganz dazugehörend. Heimatlos.

Vor sechs Jahren holte mich meine Familiengeschichte ein. Und mit ihr die Frage nach der eigenen Heimat. Begonnen hatte alles mit einer Nachricht: Jemand aus meiner Familie war an einem Nazi-Massaker in einem Dorf im österreichischen Burgenland beteiligt gewesen.

Ich begann zu recherchieren und wollte darüber schreiben, so wie ich als Journalist über Hunderte andere Dinge schon geschrieben hatte. Ich dachte, es würde keinen Unterschied machen, über die eigenen Vorfahren zu schreiben; aber natürlich tut es das. Je länger ich mich mit der Geschichte meiner Eltern und Großeltern befasste und mich an ihr rieb, desto mehr beschlich mich das Gefühl, es gehe auch um mich. Um meine Spuren. Um meine Heimat.

Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich zu verstehen, woher ich komme, gerade auch, weil ich mich mit den schwierigen Momenten meiner Verwandten befasste, in denen sie fragwürdige Entscheidungen getroffen haben. Ich erkannte mich in ihnen wieder, in ihren Schwächen, ihren Lastern und ihrem Leid. Die Abgründe haben in meinem Fall Heimat nicht kaputt gemacht, sondern erst geschaffen.

Vielleicht ist die Suche nach den eigenen Wurzeln der Nussgipfel der Migrantenkinder. Vielleicht ist das unser Weg, herauszufinden, was Heimat ist. Durch die Arbeit an meinem Buch Und was hat das mit mir zu tun? habe ich sie für mich selbst geschaffen. Sie ist nicht an einen Ort gebunden. Nicht an Ungarn, nicht an die Schweiz. Sie ist weder im Stacheldraht-Patriotismus von Viktor Orbán zu finden noch in der Stammtisch-Xenophobie der SVP. Sie hat keine Grenzen. Sie ist widersprüchlich und voller Emotionen.

Als ich vor einem Jahr in die USA zog, gab mir meine Mutter Max Frischs Schweiz als Heimat? zurück. Das Buch liegt jetzt neben meinem Bett, auf einem Stapel zwischen Joan Didions Essaysammlung und Jonathan Safran Foers neuem Roman Here I Am. Der Titel hatte für mich früher etwas Bedrohliches, heute nicht mehr. Frisch schreibt, Heimat sei Erinnerung. Ich weiß nur, sie ist da und geht nicht mehr weg.