Zuerst musste Samsung die komplette Weltjahresproduktion seiner Galaxy-Note-7-Smartphones zurückrufen, dann knapp drei Millionen Waschmaschinen wegen Explosionsgefahr in den USA vom Markt nehmen. Und nun gerät der Elektronikkonzern in seinem Heimatland Südkorea in den Sog einer Staatsaffäre, deren Spuren bis nach Deutschland reichen.

Am Dienstagvormittag durchsuchten Ermittler "ein Büro von Samsung in Seoul", bestätigte ein Konzernsprecher. Weitere Angaben zu den Hintergründen machte er nicht. Die Durchsuchungen dürften jedoch mit der Frage zu tun haben, ob eine umstrittene Beraterin die koreanische Präsidentin Park Geun Hye bei der Ausübung ihres Amtes manipuliert hat. In den vergangenen Tagen haben in Seoul deswegen bereits große Demonstrationen gegen Park stattgefunden, die Beliebtheitswerte der Politikerin befinden sich auf einem Tiefpunkt.

Park gab vor einigen Tagen zu, schon lange enge Beziehungen zu Choi Soon Sil zu pflegen und deren Ratschläge regelmäßig angehört zu haben. Die 60-jährige Choi wurde vor einigen Tagen festgenommen. Sie soll versucht haben, in unzulässiger Weise Einfluss auf Regierungsgeschäfte zu nehmen. Laut öffentlichen Angaben der Präsidentin, welche die Agentur Bloomberg zitiert, sei Park während ihres Wahlkampfs 2012 und auch danach von Choi unterstützt worden. Dabei soll diese unter anderem Reden bearbeitet und Zugang zu teilweise vertraulichen Regierungsdokumenten gehabt haben. Zugleich besteht der Verdacht, Samsung und einige andere koreanische Großkonzerne hätten Choi durch Zahlungen in Millionenhöhe unterstützt.

Gegenüber koreanischen Medien stritt Park ab, von ihrer Beraterin manipuliert worden zu sein. Auch Choi weist das von sich. Heikel ist der Fall trotzdem: Denn zwischen den Familien Park und Choi gibt es eine jahrzehntelange Verbindung. Schon die Väter der beiden Frauen standen sich nahe. Chois Vater war eine spirituelle Figur, pendelte irgendwo zwischen Sektenguru und Religionsführer. In vertraulichen Dokumenten der USA aus dem Jahr 2007, die über die Enthüllungsplattform WikiLeaks bekannt wurden, heißt es, der äußerst charismatische "koreanische Rasputin" habe Park Geun Hye schon in ihren jungen Jahren sehr gut gekannt. Er habe eine "unübliche Beziehung" zu ihr aufgebaut und sie womöglich sogar "kontrolliert".

Seine Tochter gilt spirituell als Nachfolgerin. Hat sie die Präsidentin also stärker als bekannt beeinflusst? Und wurde sie dabei womöglich finanziell von Teilen der koreanischen Wirtschaft unterstützt?

Koreanische Medien wie etwa die Zeitungen Hankyoreh und Chosun Ilbo berichten von mehreren Zahlungen Samsungs nach Deutschland, wo Choi sich regelmäßig aufgehalten hat. Eine dieser Zahlungen – in Höhe von 2,8 Millionen Euro – soll im Herbst vergangenen Jahres an die deutsche Firma Core Sports geflossen sein. Die Medien berufen sich auf anonyme Quellen in den Ermittlungsbehörden und ehemalige Angestellte von Choi. Darauf angesprochen, wollte sich Samsung wegen der laufenden Ermittlungen nicht weiter äußern.

Die Firma Core Sports gab es tatsächlich. Sie wurde Anfang 2016 in Widec Sports umbenannt und hat ihren Sitz an der Adresse Schöne Aussicht 9–13 in Schmitten, einer Gemeinde im Taunus. Dem Handelsregister zufolge besteht ihr Geschäftszweck in der "Erbringung von Beratungsleistungen auf dem Gebiet des Sports, insbesondere bezüglich Training und Fortbildung". Den gleichen Geschäftszweck verfolgt eine zweite Firma, die ebenfalls an dieser Adresse geführt wird: The Blue K GmbH. Diese befindet sich seit dem 4. November in Liquidation. Mitgesellschafterin beider Unternehmen war zumindest vorübergehend Chung Yo Raa. Sie ist die 20 Jahre alte Tochter von Choi.

Ob die beiden Unternehmen in der Taunusgemeinde tatsächlich Sportförderung betrieben haben, ist zweifelhaft. An der Adresse findet sich ein altes, offenbar nicht mehr betriebenes Hotel. Dessen Website ist durch ein Passwort geschützt und nicht erreichbar. Widec und das Hotel haben die gleiche Telefonnummer, Anrufe dringen jedoch nicht durch. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigt, dass sie im Zusammenhang mit dem Hotel derzeit wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittle. Gegen wen sich die Ermittlungen richten, ob dies mit den beiden Firmen zu tun hat und ob Mitarbeiter Samsungs betroffen sind, wollten weder die Staatsanwaltschaft noch der Elektronikkonzern mitteilen.

Völlig abwegig muss die Sache mit der Sportförderung gleichwohl nicht sein. Chois Tochter Chung ist eine talentierte Dressurreiterin, einem Interview zufolge möchte sie 2020 ihr Land bei den Olympischen Spielen in Tokio vertreten. Seit Kurzem reitet sie recht erfolgreich ein neues Pferd – die 14-jährige Stute Vitana V. Ein bekannter dänischer Reitsportler, der Anfang dieses Jahres dabei geholfen haben soll, das Tier nach Korea zu verkaufen, reagierte nicht auf eine Anfrage per E-Mail. Chung selbst war telefonisch weder über Widec erreichbar noch über die Nummer einer Adresse in Biblis, wo sie dem Handelsregister zufolge 2015 gewohnt hat. Koreanische Medien wollen aus Ermittlerkreisen erfahren haben, wer das Geld für das Sportpferd bereitgestellt hat: Samsung.

Auch dazu wollte sich der Konzern nicht äußern. Samsung sponsert den koreanischen Reitsport schon länger. Ob in diesem Fall womöglich mehr als nur sportliches Interesse dahinterstand, ist eine der ungeklärten Fragen in dieser bizarren Affäre.