Wer wird’s? Das ist die übliche Frage vor einem großen Kampf, auf die es ja nie eine verlässliche Antwort gibt. Wenn sich am Freitag dieser Woche am Südostzipfel von Manhattan Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen und sein russischer Herausforderer Sergej Karjakin zur ersten Partie der Schach-WM ans Brett setzen, sind über drei Wochen hinweg zwölf Partien anberaumt. Da wird man dann sehen.

Die Rahmendaten sprechen für den 25 Jahre alten Titelverteidiger. Er ist Weltmeister seit 2013, Weltranglistenerster seit dem Juli 2011, die Liste seiner Turniererfolge ist lang, er führt in der persönlichen Bilanz der gegen Karjakin gespielten langen Partien mit 4 : 1 bei 16 Unentschieden.

Carlsen ist der durchtrainierteste aller Schachgroßmeister, mit Waschbrettbauch und legendärem Bewegungsdrang. Er liebt die Vereinigten Staaten. In einer Talkshow hat er Bill Gates mattgesetzt. Mit dem Austragungsort New York geht ein Traum seines Managements in Erfüllung: Wo, wenn nicht in dieser Stadt des Kapitals, kann man neue Sponsoren finden und Geschäfte machen?

Sergej Karjakin dagegen fühlt sich in Moskau am wohlsten. Er ist 26, auf der Krim geboren, gab 2009 die ukrainische Staatsbürgerschaft auf, um als Russe seine Schachkarriere zu forcieren. Zu Ostern hat er das stark besetzte Kandidatenturnier vor sieben Konkurrenten überzeugend gewonnen. In einigen Partien war er in arger Bedrängnis, konnte sich aber auf fantastische Art herauswinden. Zäh ist er und nervenstark.

Nachdem er als Herausforderer feststand, wurde er wochenlang in russischen Talkshows herumgereicht. Das ganze Land steht jetzt hinter ihm; er soll die einstige Weltmacht auch im Schach wieder nach oben führen. Jede Unterstützung ist ihm gewiss, materiell wie schachlich.

Seine Motivation könnte größer nicht sein. Der WM-Kampf ist die Chance seines Lebens.

Dem Weltmeister hat er auch etwas voraus: Er ist der jüngste Großmeister der Schachgeschichte. Im Alter von zwölf Jahren und sieben Monaten holte er den begehrten Titel. Niemand hat es je früher geschafft. Carlsen wurde Großmeister mit 13 Jahren, vier Monaten und 27 Tagen.

Karjakin ist zum zweiten Mal verheiratet und kürzlich Vater eines Sohnes geworden. Bei jeder Gelegenheit dankt er öffentlich seiner Frau Galija Kamalowa. An Carlsens Seite hat man noch nie eine Freundin gesehen. Was im Spiel mehr zählt als die Liebe, sind Erfolge in Norwegen. Zweimal hat Karjakin vor Carlsen starke Turniere in Stavanger gewonnen, wie peinlich.

Im Vergleich zum Weltmeister, der gelegentlich unwirsch und maulfaul auftritt, erscheint der Herausforderer als Plaudertasche, auch wenn er stottert. Er ist ein lieber Kerl, der sein Herz auf der Zunge trägt und in Interviews ungefragt seinen Präsidenten Wladimir Putin preist für die Heimholung der Krim. In der letzten Zeit hat Karjakin – abgesehen von ein paar Tweets und Posts – wenig von sich hören lassen. Weder er noch sein Management antworten auf E-Mails.

Vielleicht erscheint ihnen eine Zeit der Stille opportun, um keine Schwächen zu zeigen und der Konkurrenz nicht allzu viele Hinweise zu geben. Mit seinen Sekundanten bezog der Herausforderer im Oktober Quartier in Miami Beach und vertiefte sich in die Vorbereitung.

Kein Respekt vor Carlsen

Carlsen hingegen reiste für drei Wochen an einen geheimen Ort in der Karibik, um mit seinem Team zu trainieren. Geheimhaltung ist überhaupt ein Thema. Aus Carlsens Umgebung verlautet, man habe mithilfe von Experten von Microsoft alle elektronische Kommunikation innerhalb des Teams gesichert. "Wir verdächtigen niemanden", sagt sein Manager Espen Agdestein. "Das ist einfach eine professionelle Vorsichtsmaßnahme."

Welchen Feldern könnte die schachliche Vorbereitung gelten? Immer geht es bei WM-Kämpfen um neue Ideen in den Eröffnungen. Wie man eine Partie beginnt und sofort Druck ausübt. Carlsen hat sich auf diesem Gebiet nie sonderlich hervorgetan. Er spielt nicht vom ersten Zug an auf Matt, er nimmt sich Zeit. Mit einer ausgeglichenen Position nach der Eröffnung ist er zufrieden; er hat nicht den Anspruch, dank einer peniblen Computervorbereitung dann schon besser zu stehen. Man kann sagen: Carlsen ist der Weltmeister, der das Spiel in den Sport zurückgeholt hat. Vor ihm ging es allzu oft nur noch um den Abruf präparierter Varianten – wie beim Aufschlag im Tennis.

Allerdings bildet diese Laxheit eine Angriffsmarke. Karjakins Team könnte nach scharfen Varianten Ausschau halten, die sich nicht vermeiden lassen und Carlsen so in die Defensive bringen.

Ein anderer Punkt sind Carlsens gelegentliche Aussetzer. Als er 2014 in Sotschi beim WM-Kampf gegen Viswanathan Anand in der sechsten Partie einen fehlerhaften Königszug machte, blickte der sonst so genaue Inder nur kurz aufs Brett und ließ die Gelegenheit zum Sieg verstreichen. Anand hatte zu großen Respekt vor Carlsen. Den hat Karjakin definitiv nicht. Es wird in New York also auch um Psychologie gehen. Ein mehrwöchiger Zweikampf ist etwas anderes als ein Großmeisterturnier mit täglich wechselnden Gegnern. Da baut sich eine Spannung auf, die schwer erträglich sein kann.

Viel wird davon abhängen, wie das Match startet. Mit einer Serie von Remisen? Mit einem Sofortsieg Carlsens? Mit einem Überraschungserfolg Karjakins, der die Selbstsicherheit des Weltmeisters untergräbt? Wer zuerst das Nachsehen hat, kann in eine ungemütliche Lage kommen. Denn zwölf Partien sind bei der Remisquote auf diesem Niveau nicht viel. Es könnte genügen, eine Partie zu gewinnen und dann zu klammern, Unentschieden um Unentschieden zu spielen, und dann wäre nach der zwölften Partie Schluss beim Stand von 6,5 zu 5,5.

Das wäre allerdings ein Kampf, wie niemand ihn sich wünscht.