Sie hat das einzig dem Menschen zu verdanken: Rattus norvegicus, die Wanderratte, ist das erfolgreichste Säugetier der Welt, zusammen mit der schwarzen Ratte und der Hausmaus. Von Nordchina aus kolonisierte sie in mehreren Wellen den Erdball, abgesehen von den Polarkappen. Doch wie ging es dabei zu?

In einer weltumspannenden Untersuchung des Genmaterials der Rattenpopulationen hat ein Wissenschaftlerteam nun den genauen Werdegang der Art nachgezeichnet. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen lassen verblüffend eindeutige Rückschlüsse darauf zu, woher die erste braune Ratte eines Landes kam. Der Stammbaum der Nager liest sich dabei wie ein Auszug aus dem Geschichtsbuch der menschlichen Eroberungszüge.

Die in den Proceedings der britischen Royal Society veröffentlichte Studie soll allerdings nicht nur das Interesse der Historiker stillen, sondern auch Licht in das weithin unerforschte Nager leben bringen. Ratten sind teure Schädlinge und Überbringer tödlicher Seuchen wie der Pest. Trotzdem waren ihre Siedlungstaktiken fast unbekannt. Die Genanalysen bieten erste Hinweise zum Siegeszug der Schädlinge. Im frühen Mittelalter dürften sie sich durch den Handel entlang der Seidenstraße innerhalb von Asien ausgebreitet haben. Ab dem 15. Jahrhundert taucht der Nager in Europa auf – Rattus norvegicus hatte den ersten interkontinentalen Schritt in Richtung Westen gewagt.

Hilfreich für die Forscher war die Erkenntnis, dass sich die europäische Population genetisch von der asiatischen Verwandtschaft unterscheidet. Auf der Suche nach einem behaglichen Plätzchen waren sie zwischen Zwieback und Segeltuch weiter west- und südwärts über die Weltmeere gereist; sie hausten erst im Gepäck der Kolonialisten und dann in ihren Siedlungen. Europäische genetische Merkmale tragen auch ihre Nachfahren in Süd- und Nordamerika, Afrika und Australasien in sich.

Die Wanderratte liebt offenbar das Reisen in Gesellschaft des Menschen. Wo immer sie mit ihm ankam, vermehrte sie sich explosionsartig. Auch die asiatischen Ur-Ratten hatten von den Annehmlichkeiten der Neuen Welt im Osten bald Wind bekommen. Mitte des 18. Jahrhunderts hefteten auch sie sich zunächst an die Fersen russischer Felljäger und besiedelten das aleutische Archipel zwischen Kamtschatka und Alaska, bevor sie dann im zweiten Schwung nach Kanada und in weitere Regionen Nordamerikas vordrangen.

So waren bald alle Landmassen der Erde – und alle größeren Inseln – von braunen Wanderratten besiedelt. Inzwischen konkurrieren ehemals europäische und ehemals asiatische Ratten nach einem Rennen um den Globus um den Lebensraum in San Francisco. Die Befunde der Studie sprechen dafür, dass es reisenden Ratten nur selten gelingt, sich in einer bereits bestehenden Population anzusiedeln. Gentests könnten den Kammerjägern deshalb eine wichtige Frage beantworten: Sind neue Ratten zugewandert, oder hat die alte Population überlebt? Trotz des internationalen Handels hätten es weit gereiste Ratten inzwischen schwer, Lebensraum zu erobern. Das könnte erklären, wieso viele von Ratten übertragene Krankheiten nicht so weit verbreitet sind wie die Träger selbst. Aber die Nager haben noch mehr zerstörerisches Potenzial in petto. Wächst eine Population zur Plage heran, kann sie Vogelbestände und Güter im Wert von Milliarden vernichten.

Für Zeitgenossen, deren Eigenheim von Rattus norvegicus überrannt wurde, haben die Forscher einen Tipp: Fallen sollte man mit Kohlehydraten ausstatten. Lieber als Käse und Wurst mögen Wanderratten Körner und Haferflocken.