Manchmal hört er den Namen noch zufällig, wenn er unterwegs ist. Oder bei einem Freund aus der Basketballmannschaft, dessen Schwester so heißt: Leonie. Früher ist er zusammengezuckt, wenn er die drei Silben hörte: Le-o-nie! Aber das ist vorbei. Heute berührt ihn das nicht mehr. "Ist einfach nur irgendein Name", sagt Mark*.

Dabei hieß er die meiste Zeit seines Lebens selbst so. Bis zu dem Tag, an dem Leonie Grabow vor ihre Schulklasse trat und verkündete: "Ich bin ein Junge und heiße ab heute Mark Grabow." Das war nach den Osterferien 2014. Heute erinnert nichts mehr an Marks altes Leben. Der Junge trägt die Haare an den Seiten raspelkurz, über dem Körper schlackert ein T-Shirt. So wie bei den Basketballern auf den Postern in seinem Zimmer.

Und eigentlich will Mark über die Sache nicht mehr reden. So oft hat er es schon erklärt – den Medizinern, den Psychologen und Gutachtern. Dann erzählt er doch: von den Rollenspielen in der Kita, wo Leonie immer den Vater spielte; von der Angst vor dem Schulschwimmen und von dem Basketballstar Marc Gasol, der ihm die Idee für seinen neuen Namen gab. Das alles berichtet der Junge so ruhig und abgeklärt, als sei es eine Ewigkeit her – und so ein Identitätswechsel das Normalste der Welt.

Das ist es natürlich nicht. Wer aber die Geschichte von Mark hört, wer mit Ärzten, Wissenschaftlern und Eltern spricht, der kommt ins Staunen. Über die von Jahr zu Jahr steigenden Zahlen solcher Fälle, über die Toleranz, die das Thema mittlerweile umgibt. Und über die relativ wenigen Probleme, auf die die Kinder und Jugendlichen stoßen.

Doch ist es verantwortbar, wenn Mediziner immer mehr Jugendliche immer früher mit Sexualhormonen zu einer Geschlechtsumwandlung verhelfen? Ab wann sind junge Menschen alt genug, zu wissen, wer sie wirklich sind? Und was ist der Grund dafür, dass in die Spezialambulanzen seit ein paar Jahren besonders viele Mädchen kommen, die mit ihrem Geschlecht unglücklich sind?

Leonie hat sich "anders" gefühlt, solange Mark zurückdenken kann. Schon in der Kita hielt sie sich an die Jungs: Wurden die Mädchen aufgerufen, blieb sie sitzen. Ein Büchlein mit Fotos und Sprüchen, das Leonie zum Andenken an ihre Zeit im Kindergarten bekam, dokumentiert die frühe Verwandlung: Von Jahr zu Jahr wird Leonies Haarschnitt kürzer und die Kleidung jungenhafter. Auf einem der letzten Bilder trägt das Kind einen Polizeihelm. Da lächelt es das erste Mal.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016.

In der Grundschule gab Leonie sich dann überhaupt nicht mehr mit Mädchen ab. Sie entdeckte erst den Fußball, dann das Basketballspielen, ging heimlich aufs andere Klo. Den Mitschülern fiel es kaum auf, die meisten hielten Leonie ohnehin für einen Jungen mit einem etwas seltsamen Namen.

Leonies Mutter tat sich mit der Erkenntnis schwerer. Die Dramen beim Friseur, Leonies Ausraster beim Schuhekaufen, wenn die Verkäuferin ein rotes Paar brachte – Tanja Grabow hielt es lange Zeit für einen Spleen. Doch irgendwann verstand auch sie. Noch gut erinnert sie sich an eine Szene vor dem Fernseher. Ein Fußballspiel war zu Ende, Leonies Lieblingsverein hatte verloren, und das Kind weinte und weinte. "Ein Mädchen, das beim Fußballgucken heult: Das hatte ich noch nie gehört."

Niemand in Deutschland kennt solche Schicksale besser als Bernd Meyenburg. Seit 30 Jahren behandelt der Psychiater an der Frankfurter Universitätsklinik Kinder und Jugendliche, die sich im falschen Körper wähnen. In den achtziger Jahren galt Transsexualität noch als Krankheit. Trat sie bei Minderjährigen auf, hieß es, man müsse die Betroffenen "heilen", indem man sie in ihrem Geburtsgeschlecht bestärke. "Davon spricht heute so gut wie niemand mehr", sagt Meyenburg.

Damals hatte der Psychiater vier oder fünf neue Fälle pro Jahr. Heute kommen genauso viele Kinder und Jugendliche im Monat zum Erstgespräch. Gerade in den vergangenen drei, vier Jahren, so der Arzt, seien die Zahlen kräftig gestiegen. Transsexualismus oder, wie es heute heißt, Transidentität bei Heranwachsenden ist zwar kein Massenphänomen. Es gibt pro Jahr vielleicht ein paar Hundert neue Fälle. Bemerkenswert sind jedoch die Steigerungsraten. Zumal sie nicht nur Bernd Meyenburg in Frankfurt verzeichnet, sondern ebenso seine Kollegen in Hamburg oder München, Amsterdam, London und Toronto. Als sich im September Hormonspezialisten zu einem Kongress in Paris trafen, berichteten sie vom weltweit gleichen Trend. "Wir werden förmlich überrannt", sagt Saskia Fahrenkrug, Psychologin am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

* Name und Lebensumstände des Jungen wurden auf Wunsch der Familie geändert

Was, wenn plötzlich Brüste wachsen?

Der Zuwachs steht für einen grundlegenden Einstellungswandel. Traditionell waren gerade Heranwachsende auf klar definierte Geschlechterrollen fixiert: Jungen wollten richtige Männer werden, Mädchen richtige Frauen. Wich jemand von den Erwartungen ab, kannten die anderen Jugendlichen wenig Gnade. Inzwischen haben sich die starren Geschlechtsbilder immer weiter aufgelöst.

Heute wagen es viel mehr Jugendliche, sich zu offenbaren und Hilfe in Anspruch zu nehmen

Mittlerweile gehören schwule und lesbische Lebensformen zum modernen Biologieunterricht wie Pille und Präservativ. In den Medien wird die sexuelle Vielfalt geradezu gefeiert. Hübsche Frauen mit Bart gewinnen dort Gesangswettbewerbe, Serienhelden spielen transsexuelle Familienväter (Transparent). Mittlerweile gibt es nicht nur Kinderromane (George) zum Thema, sondern auch Bilderbücher (Teddy Tilly). Rechtskonservative mögen den "Genderwahn auf dem Lehrplan" geißeln, wie sie es zurzeit in Hessen tun. Die Kids haben damit aber wenig Probleme. Während mancher Erwachsener LGBT noch für einen Mobilfunkstandard hält, entziffern sie mühelos den Buchstabensalat als Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender – und ergänzen dabei noch flink ein Q für Queer.

Angesichts dieses Liberalisierungsschubs wagen es heute viel mehr Jugendliche, sich zu offenbaren und Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie mit ihrem Geschlecht hadern. Dabei erweisen sich viele von ihnen schon als überaus kundig, sagt Saskia Fahrenkrug. Früher seien die transidenten Jugendlichen nur mit ihrer Verzweiflung in die Sprechstunde gekommen. Heute würden sie zum ersten Termin schon "die Spezialnamen des Hormons mitbringen, das sie für ihre Geschlechtsanpassung bitte sofort haben möchten". Diese Patienten müsse man erst einmal bremsen, so die UKE-Psychologin.

In den vergangenen Jahren hat sich im Internet eine Szene entwickelt mit Foren und YouTube-Filmen. Im Schutz der Anonymität können Transjugendliche hier Gefühle teilen, ihre neue Rolle austesten und Spezialinformationen weitergeben. Viele von ihnen haben dann ihr Coming-out schon hinter sich, wenn sie zur ersten Beratung in der Praxis erscheinen. Vor 20 Jahren hat es das so gut wie nicht gegeben.

Tanja Grabow half ein Film aus dem Netz, Marks Lehrern die neue Identität ihres Sohnes zu erklären. Dabei hatte die Mutter gar nicht damit gerechnet, dass Mark auf der Schule bleiben konnte. Ein Sportgymnasium für Basketball, Leichtathletik und Turnen, so dachte sie, sei nicht der richtige Ort für ein Coming-out. Der Direktor aber wollte von einem Schulwechsel nichts wissen. "Das kriegen wir hin", sagte er. Auch Marks Auftritt vor seiner Klasse war leichter als befürchtet. Eine kurze Ansage, gefolgt von zwei, drei Nachfragen der Mitschüler, dann war die Sache erledigt. Wenn ein Lehrer in der Folgezeit noch einmal Leonie sagte, musste Mark ihn nicht verbessern. Das übernahmen seine Mitschüler.

Schikanen, blöde Sprüche, Mobbing? Weder Mark noch seine Mutter können sich daran erinnern. Der Einzige, der massive Zweifel äußerte, war Marks von der Familie getrennt lebender Vater. Bis vor Gericht musste die Mutter ziehen, um gegen den Vater Marks Vornamenswechsel durchzusetzen. Bis heute will der Vater nicht recht wahrhaben, dass seine Tochter ein Sohn ist. "Ansonsten läuft es bisher aber gut", sagt Tanja Grabow. "Das hat mich selbst gewundert."

Mark ist mitnichten nur ein geglückter Einzelfall. Zwar gibt es weiterhin Unsicherheit bei Lehrern, etwa ob sie auf dem Zeugnis den neuen Namen übernehmen dürfen (ist erlaubt). Mitunter kommt es auch zu Problemen bei der Frage, welche Toilette der Transjugendliche benutzen darf. "Insgesamt aber machen die meisten inzwischen positive Erfahrungen", sagt der Hamburger Hormonspezialist Achim Wüsthof. Als besonders gelungenes Beispiel erzählt er die Geschichte eines Lehrers. Er berichtet seiner Klasse, dass ein Schüler die Klasse verlassen werde, dafür aber eine neue Schülerin komme. "Das Besondere ist: Es handelt sich um denselben Menschen", sagt der Lehrer. Dann stellt er einen Begrüßungskuchen auf das Pult mit dem Wunschnamen des Mädchens.

All das bedeutet freilich nicht, dass junge Menschen wie Mark es leicht haben. Das Gefühl, dass ihr Körper nicht zu ihnen passt, verwirrt und bleibt schmerzhaft. Spätestens wenn die Pubertät naht, wächst das Unbehagen zum Grauen. Plötzlich merken sie es: Was verniedlichend "der kleine Unterschied" genannt wird, teilt in Wirklichkeit die Menschheit. Vor dem Coming-out, als Mark noch Leonie hieß, ging lange Zeit alles gut. Haarschnitt und Hosen sorgten dafür, dass er als Junge durchging. Was aber, wenn unter dem Hemd plötzlich Brüste wachsen?

"Geschlechtsatypisches Verhalten" kommt nicht ganz selten vor

Auch in der Schule wurde es komplizierter. Anders als in der Grundschule durfte das Kind auf dem Gymnasium beim Schwimmunterricht nicht mehr in Badehose erscheinen, es sollte einen Badeanzug tragen – und schämte sich, als würde es nackt schwimmen. "Da wusste ich, dass jetzt ein Schnitt notwendig war", sagt Tanja Grabow. Sie suchte Hilfe im UKE. Das Behandlungsteam dort entschloss sich, Marks körperliche Entwicklung zur Frau mithilfe von Hormonen anzuhalten.

Ärzte der Freien Universität Amsterdam waren die ersten, die Mitte der neunziger Jahre diese sogenannten Pubertätsblocker einsetzten. Die Hormone funktionieren wie ein Stoppknopf für die körperliche Entwicklung. Sie verhindern das Brustwachstum bei Mädchen und Bartwuchs sowie Stimmbruch bei Jungen – all jene Geschlechtsmerkmale also, die man später nur mit großem operativem Aufwand und niemals ohne bleibende Spuren wieder beseitigen kann. Gleichzeitig sollen die Pubertätsblocker den Heranwachsenden die Chance geben, sich eine Zeit lang in ihrem neuen Geschlecht auszuprobieren – würden sie weggelassen, ginge die Pubertät weiter. Anfangs gab es viel Kritik daran, schon Kindern Hormone zu verabreichen. Mittlerweile hat sich das Dutch protocol in vielen Behandlungszentren durchgesetzt.

Doch nicht in allen. Alexander Korte, Kinderpsychiater an der Münchner Uni-Klinik, verschreibt keine Pubertätsblocker. Transgenderaktivisten dient er deshalb als Feindbild. Kortes These: Nur wer die Pubertät erlebt hat, kann wissen, ob er sich als Mann oder Frau versteht. "Diese Zeit kann so viel ändern", sagt der Mediziner und verweist auf Untersuchungen. Diese zeigen, dass nur eine Minderheit von den Kindern (je nach Studie zwischen 10 und 27 Prozent), die Hilfe bei einem Spezialisten suchen, sich später wirklich als transsexuell erweist.

Lassen sich viele Jugendliche nur einreden, dass sie das falsche Geschlecht haben?

Tatsächlich kommt bei Kindern ein sogenanntes "geschlechtsatypisches Verhalten" nicht ganz selten vor. In den meisten Fällen geht es aber spätestens in der Grundschule zurück. Hält es an, können dahinter auch erste Anzeichen einer späteren Homosexualität stecken. "Behandelt man die Heranwachsenden zu früh, nehmen wir ihnen die Chance, das herauszufinden", sagt Korte. "Das ist dann ein Homosexualitätsverhinderungsprogramm."

Denn in der Praxis folgt dem ersten Behandlungsschritt – der Blockade der Pubertät – ein paar Jahre später so gut wie immer der zweite: die Umwandlung des Körpers mit gegengeschlechtlichen Sexualhormonen. Mark bekommt seit einem halben Jahr Testosteron. Jeden Morgen streicht er sich ein Hormon-Gel auf den Oberarm. Das Testosteron wird seine Stimme tiefer machen und in seinem Gesicht Haare sprießen lassen. Auf der pickligen Stirn sind die ersten Wirkungen des Gels schon zu sehen.

In den offiziellen Leitlinien zur Behandlung steht, dass man frühestens mit 16 Jahren die gegengeschlechtliche Therapie beginnen lassen soll. Doch daran halten sich die meisten Behandler schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Mitunter beginnen sie die hormonelle Prozedur sogar schon mit 13 Jahren, Mark war 14 Jahre alt. Alexander Korte spricht von einer "gefährlichen Einbahnstraße".

Hört man dem Münchner Psychiater länger zu, klingt die Befreiungsgeschichte immer mehr nach einer Verfallsgeschichte. Hinter mancher vermeintlichen Störung der Geschlechtsidentität wittert Korte andere psychische Probleme, verursacht durch prekäre Lebensumstände oder gestörte Beziehungen zu den Eltern. "Besonders schwer erklärbar" findet er die gestiegenen Behandlungszahlen bei Mädchen. Kamen früher meist Jungen im Grundschulalter in die Praxen, sind es heute weit überwiegend Mädchen, viele im Teeniealter. Auch das ist ein weltweites Phänomen; das Journal of Sexual Medicine schrieb kürzlich von einer regelrechten "Umkehrung der Behandlungszahlen", in einigen Zentren liege die Rate bereits bei eins zu vier.

Dass Mädchen im Schnitt später in die Praxen kommen als Jungen, muss nicht verwundern. Ein Junge in Rock oder Kleid fällt eben weit mehr auf als ein Mädchen mit Hosen. Am Ende aber sollten sich die Behandlungszahlen eigentlich angleichen. Tun sie aber bisher nicht. Kommt Transidentität also bei Mädchen von Natur aus häufiger vor? Oder reden sich viele von ihnen nur ein, im falschen Körper zu stecken? Gibt es einen von den Medien verursachten Hype? Ist Trans chic?

"Man muss daraus ja kein Lebensthema machen."

Auf diese Fragen hat bislang kein Experte eine rechte Antwort, auch Bernd Meyenburg nicht. Er hält die frühe Behandlung dennoch für absolut richtig. "Auch mir erschien der Ansatz anfangs zu radikal", sagt der Psychiater. "Heute weiß ich, dass wir damit viel Leid verhindern." Er sieht den Leidensdruck seiner jungen Patienten – und er weiß, wie sehr viele erwachsene Transsexuelle, denen ihr altes Geschlecht bis heute ins Gesicht geschrieben steht, ihre jungen Schicksalsgenossen um deren frühe Behandlung beneiden.

Der Hamburger Hormonspezialist Achim Wüsthof sieht es ähnlich: "Das Risiko, die Pubertät abzuwarten, ist viel größer, als sich bei der Diagnose zu irren. Das zeigen mir die Verläufe der vergangenen 15 Jahre." Der Arzt kennt aus seiner Praxis nur eine einzige Betroffene, die sich nach der Geschlechtsangleichung wieder umentschieden hat: vom Mädchen zum Jungen und später zurück zur jungen Frau, doppelte Namensänderung inklusive.

Größere Langzeitstudien, welche die Transjugendlichen später über Jahrzehnte begleiten, fehlen aber bislang. Dafür ist die Methode der frühen Intervention noch zu jung. Auch hat die Wissenschaft noch keine verlässlichen genetischen oder körperlichen Besonderheiten entdeckt, an denen man transsexuelle Menschen erkennen kann. Klar ist immerhin so viel: Je früher die Kinder meinen, dass ihr Körper nicht zu ihrem gefühlten Geschlecht passt, je bestimmter sie nicht nur sagen, dass sie gern ein Junge wären , sondern dass sie ein Junge (oder Mädchen) sind , und je länger sie in ihrer gewünschten Identität leben – desto sicherer ist die Diagnose.

Mark und seine Mutter sind sich ganz sicher. Der Junge hat viele Freunde, in der Schule kommt er gut zurecht. Die offizielle Namensänderung bei den Behörden ist jetzt durch. Wenn er volljährig ist, steht der dritte und definitive Behandlungsschritt an: die endgültige Geschlechtsangleichung durch eine Operation. Darüber will Mark sich aber heute noch keine Gedanken machen. Viel zu weit weg. Wichtiger ist, dass er mit seiner Basketballmannschaft diese Saison aufsteigen könnte. Manchmal reden sie in der Familie eine Woche oder länger gar nicht über die Sache. Tanja Grabow findet das gut: "Man muss daraus ja kein Lebensthema machen."