Auch in der Schule wurde es komplizierter. Anders als in der Grundschule durfte das Kind auf dem Gymnasium beim Schwimmunterricht nicht mehr in Badehose erscheinen, es sollte einen Badeanzug tragen – und schämte sich, als würde es nackt schwimmen. "Da wusste ich, dass jetzt ein Schnitt notwendig war", sagt Tanja Grabow. Sie suchte Hilfe im UKE. Das Behandlungsteam dort entschloss sich, Marks körperliche Entwicklung zur Frau mithilfe von Hormonen anzuhalten.

Ärzte der Freien Universität Amsterdam waren die ersten, die Mitte der neunziger Jahre diese sogenannten Pubertätsblocker einsetzten. Die Hormone funktionieren wie ein Stoppknopf für die körperliche Entwicklung. Sie verhindern das Brustwachstum bei Mädchen und Bartwuchs sowie Stimmbruch bei Jungen – all jene Geschlechtsmerkmale also, die man später nur mit großem operativem Aufwand und niemals ohne bleibende Spuren wieder beseitigen kann. Gleichzeitig sollen die Pubertätsblocker den Heranwachsenden die Chance geben, sich eine Zeit lang in ihrem neuen Geschlecht auszuprobieren – würden sie weggelassen, ginge die Pubertät weiter. Anfangs gab es viel Kritik daran, schon Kindern Hormone zu verabreichen. Mittlerweile hat sich das Dutch protocol in vielen Behandlungszentren durchgesetzt.

Doch nicht in allen. Alexander Korte, Kinderpsychiater an der Münchner Uni-Klinik, verschreibt keine Pubertätsblocker. Transgenderaktivisten dient er deshalb als Feindbild. Kortes These: Nur wer die Pubertät erlebt hat, kann wissen, ob er sich als Mann oder Frau versteht. "Diese Zeit kann so viel ändern", sagt der Mediziner und verweist auf Untersuchungen. Diese zeigen, dass nur eine Minderheit von den Kindern (je nach Studie zwischen 10 und 27 Prozent), die Hilfe bei einem Spezialisten suchen, sich später wirklich als transsexuell erweist.

Lassen sich viele Jugendliche nur einreden, dass sie das falsche Geschlecht haben?

Tatsächlich kommt bei Kindern ein sogenanntes "geschlechtsatypisches Verhalten" nicht ganz selten vor. In den meisten Fällen geht es aber spätestens in der Grundschule zurück. Hält es an, können dahinter auch erste Anzeichen einer späteren Homosexualität stecken. "Behandelt man die Heranwachsenden zu früh, nehmen wir ihnen die Chance, das herauszufinden", sagt Korte. "Das ist dann ein Homosexualitätsverhinderungsprogramm."

Denn in der Praxis folgt dem ersten Behandlungsschritt – der Blockade der Pubertät – ein paar Jahre später so gut wie immer der zweite: die Umwandlung des Körpers mit gegengeschlechtlichen Sexualhormonen. Mark bekommt seit einem halben Jahr Testosteron. Jeden Morgen streicht er sich ein Hormon-Gel auf den Oberarm. Das Testosteron wird seine Stimme tiefer machen und in seinem Gesicht Haare sprießen lassen. Auf der pickligen Stirn sind die ersten Wirkungen des Gels schon zu sehen.

In den offiziellen Leitlinien zur Behandlung steht, dass man frühestens mit 16 Jahren die gegengeschlechtliche Therapie beginnen lassen soll. Doch daran halten sich die meisten Behandler schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Mitunter beginnen sie die hormonelle Prozedur sogar schon mit 13 Jahren, Mark war 14 Jahre alt. Alexander Korte spricht von einer "gefährlichen Einbahnstraße".

Hört man dem Münchner Psychiater länger zu, klingt die Befreiungsgeschichte immer mehr nach einer Verfallsgeschichte. Hinter mancher vermeintlichen Störung der Geschlechtsidentität wittert Korte andere psychische Probleme, verursacht durch prekäre Lebensumstände oder gestörte Beziehungen zu den Eltern. "Besonders schwer erklärbar" findet er die gestiegenen Behandlungszahlen bei Mädchen. Kamen früher meist Jungen im Grundschulalter in die Praxen, sind es heute weit überwiegend Mädchen, viele im Teeniealter. Auch das ist ein weltweites Phänomen; das Journal of Sexual Medicine schrieb kürzlich von einer regelrechten "Umkehrung der Behandlungszahlen", in einigen Zentren liege die Rate bereits bei eins zu vier.

Dass Mädchen im Schnitt später in die Praxen kommen als Jungen, muss nicht verwundern. Ein Junge in Rock oder Kleid fällt eben weit mehr auf als ein Mädchen mit Hosen. Am Ende aber sollten sich die Behandlungszahlen eigentlich angleichen. Tun sie aber bisher nicht. Kommt Transidentität also bei Mädchen von Natur aus häufiger vor? Oder reden sich viele von ihnen nur ein, im falschen Körper zu stecken? Gibt es einen von den Medien verursachten Hype? Ist Trans chic?