DIE ZEIT: Herr Kranemann, Sie leiten ein Forschungsprojekt, das sich mit staatlichen Gedenkfeiern nach Katastrophen beschäftigt – wie etwa der Trauerfeier nach dem Münchner Amoklauf. "Desaster Rituale" heißt es, was reizt Sie daran?

Benedikt Kranemann: Ich arbeite ja in Erfurt und habe 2002 das Entsetzen über den Amoklauf am dortigen Gutenberg-Gymnasium hautnah erlebt. Nach dem ersten Schock stellte sich da bald die Frage: Wie kann in einer gesellschaftlichen Umgebung, in der nur noch ein kleiner Prozentsatz der Menschen christlich gebunden ist, eine angemessene Trauerfeier aussehen? Auch nach dem Amoklauf von Winnenden von 2009, der Loveparade- Katastrophe von 2010 in Duisburg oder dem Germanwings-Absturz im vergangenen Jahr stellte sich diese Frage wieder. Das alles schien mir interessant genug für ein Forschungsprojekt.

ZEIT: Stellen sich diese Fragen denn heute dringlicher als früher? Falls ja, warum?

Kranemann: Weil sich die Gesellschaft stark verändert hat. Sie ist in religiöser Hinsicht pluraler geworden, nicht nur aufgrund des Islams, sondern auch, weil es immer mehr Menschen gibt, die keiner Religionsgemeinschaft angehören oder unterschiedlichen Bekenntnissen folgen. Unter solchen Umständen eine gemeinsame Form des Trauerns für die Opfer großer Katastrophen zu finden ist eine Herausforderung.

ZEIT: Sie haben die Gedenkfeiern in Erfurt, Duisburg oder Dresden erwähnt. Waren die denn aus Ihrer Sicht geglückt?

Kranemann: Ich glaube schon. In der öffentlichen Reaktion hatten sie jedenfalls eine sehr gute Resonanz, wenn man das so sagen möchte. Sie gaben den Menschen die Möglichkeit zu trauern, haben für Staat und Gesellschaft einen gemeinsamen Rahmen geschaffen, um der Toten zu gedenken und Solidarität mit den Hinterbliebenen zu zeigen. Auch an der medialen Berichterstattung konnte man sehen, wie groß das Bedürfnis nach solchen gemeinsamen Formen des Gedenkens ist. Und ich glaube, diesem Bedürfnis sind die Feiern gerecht geworden.

ZEIT: Gibt es Gemeinsamkeiten? Was ist der gemeinsame Nenner, wenn es viele unterschiedliche Glaubensvorstellungen gibt?

Kranemann: Zunächst einmal gibt es kein allgemeingültiges Drehbuch für solche Desaster-Rituale. In Erfurt haben sich Vertreter der Schule, der Eltern und des Staates zusammengesetzt, in vielen Fällen treten auch die Staatskanzleien an die Kirchen heran mit der Bitte, so eine Feier auszurichten. Zusammen mit den Kirchen vor Ort wird dann besprochen, wie so eine Feier aussehen kann, wer dabei zu Wort kommen soll, welche Rituale man gemeinsam begeht. Bei der Begleitung von Angehörigen und Betroffenen ist in der Regel auch die Abteilung Noah des Bundesinnenministeriums beteiligt.

ZEIT: Wofür steht die Abteilung Noah?

Kranemann: N, O, A und H – das Kürzel steht für Nachsorge, Opfer- und Angehörigen-Hilfe.

ZEIT: Welche Rituale haben sich denn bei solchen Anlässen besonders bewährt?

Kranemann: In nahezu allen Gedenkfeiern spielen Kerzen eine wichtige Rolle. Kerzen sprechen alle an, sie kann jeder auf seine Weise interpretieren: Kerzen haben eine starke christliche Symbolik, man kann sie als Licht in der Dunkelheit deuten, sie erinnern an die Lichterketten ... Und natürlich kommt der Musik eine wichtige Funktion zu. Auch sie berührt Menschen über alle Religionsgrenzen hinweg.