Die Wahl des Donald Trump ist keine normale Verschiebung der politischen Tektonik, sondern ein Erdbeben der Stärke 8,5 – das Amerika und die gesamte Welt erschüttern wird. Als Trump im Sommer 2015 die Kandidatur ausrief, schien das nur der Start einer grotesken Reality-TV-Show zu sein. Doch hat der Trumpator erst 16 Republikaner-Rivalen in den Primaries weggekegelt, schließlich Hillary Clinton, Barack Obamas vorbestimmte Erbin, die er nur zweimal in den Umfragen touchieren konnte. Am 20. Januar geht die Serie in die zweite Staffel. Sie heißt: "Der Staat bin ich".

Abermals haben die Umfragen in die Irre geführt, hatten sie doch Clinton bis zuletzt einen, wenn auch knappen, Vorsprung vorgegaukelt. Wie jüngst beim Brexit, wo am Vortag des Referendums die EU-Getreuen drei Punkte vorn lagen. Gesiegt haben aber dann die Feinde Europas. Trumps unbegreiflicher Triumph lässt ahnen, dass es viele Befragte nicht wagen, sich am Telefon als unkorrekt zu bekennen.

Man sollte Umfragen künftig als Unterhaltungsspiel betrachten, nicht als ernst zu nehmende Vorhersage. Leider hatte Trump richtig gezielt, als er seine Giftpfeile auf die Wahlforschung abschoss.

Es hilft nichts: Angesichts der Verheerung müssen wir uns das Beben schönreden, obwohl man dabei viel Fantasie aufbringen muss. Denn dieser Mann, der die Republikanische Partei gekapert hat, meint, was er sagt. Folglich könnte er sehr wohl im Weißen Haus anrichten, was er dem Wahlvolk immer wieder eingehämmert hat. Grob zusammengefasst, hat er angekündigt, die Gewaltenteilung auszuhebeln, die Medien zu unterwerfen und eine Außenpolitik zu schreddern, die Amerika zur Ordnungsmacht befördert hat. Der Mann ist ein Wiedergänger Mussolinis, aber freundlicherweise ohne schwarz behemdete Sturmtruppen.

Wie will er den Umsturz verwirklichen – am Kongress und an den Gerichten vorbei?

Trumps Übergangsteam bramarbasiert, es habe bereits 25 Präsidial-Dekrete vorbereitet. Die werde er gleich nach der Inauguration am 20. Januar 2017 unterschreiben, um "die Obama-Präsidentschaft auszuradieren". Nun sind solche Federstriche nichts Außergewöhnliches in der Geschichte. Obama selbst hat 252 erlassen, sein Vorgänger George W. Bush 292.

Außerdem pflastern diese nicht den Weg zur ungeteilten Macht. Obamas umstrittenste Verfügung, die fünf Millionen illegalen Einwanderern Straffreiheit verhieß, wurde von einem Bundesgericht für nichtig erklärt. Eine politische Fußnote: In seinen beiden Amtszeiten hat Obama genügend Bundesrichter ernannt, die kaum den Trumpismus im Herzen tragen. Schließlich genießt keine amerikanische Institution mehr Respekt als der Supreme Court, ein Bollwerk der Gewaltenteilung.

Das zweite Bollwerk ist der Kongress, der eifersüchtig über seine verfassungsgemäßen Vorrechte wacht, ganz gleich, ob beide Häuser von der Partei des Präsidenten beherrscht werden. Da Trump den Größen auch seiner Partei routinemäßig seine Verachtung zeigte, werden die Kongress-Republikaner noch manche Rechnung mit dem Freibeuter begleichen. Überdies gebietet ihnen der Selbsterhaltungstrieb, das Schlimmste zu vereiteln, um 2020 eine Chance mit einem neuen Bannerträger zu bekommen.

Richtig: Jeder neue Präsident kann mit seinem eigenen Team in Washington einziehen, aber die 1.200 Top-Positionen müssen vom Senat bestätigt werden: vom Minister bis zum Botschafter. Auch hier wird Trump auf Straßensperren treffen, genauso wie bei der Ernennung der Obersten Richter, wo zwei bis drei Vakanzen anstehen. Seine Haushaltsvorlagen müssen ebenfalls vom Kongress abgesegnet werden.

Zum Beispiel die Mauer gegen Mexiko. Sie wird auf 25 Milliarden Dollar veranschlagt, die Trump beim Parlament einholen muss. Die elf Millionen Illegalen, die er deportieren will? Dazu brauchte er 90.000 Polizisten, sechsmal mehr, als das FBI Agenten hat. Ein konservativer Washingtoner Thinktank hat die Kosten für die gesamte Aktion berechnet: 600 Milliarden Dollar.

Was Trump aber eigenmächtig beschließen kann, ist schlimm genug. Er könnte die amerikanischen Truppen aus Europa abziehen, als Oberbefehlshaber das Militär einsetzen, ohne den Kongress fragen zu müssen. Die Finanzierung unterliegt freilich den Volksvertretern. Er könnte die Nordamerikanische Freihandelszone kippen, auch die Transpazifische. Er könnte Strafzölle gegen China verhängen. Die halbwegs gute Nachricht: Seine Berater sehen solche Drohungen als typischen Pokerbluff, um die Kontrahenten einzuschüchtern.

Nun die ganz schlechten Nachrichten: Dieser Präsident muss jetzt glauben, übers Wasser laufen zu können, hat er doch jeden Gegner abserviert, Hohn und Verachtung getrotzt, die mächtigen "Eliten" erniedrigt. Ihm geschah ein Wunder nach dem anderen. Deshalb darf sich dieser Präsident in der Gewissheit wiegen, den lieben Gott auf seiner Seite zu haben. Wer die segnende Hand des Allmächtigen auf seinem Haupt spürt, neigt nicht zum Kuhhandel – weder daheim noch in der Diplomatie. Der Trumpator weiß auch, was die Leute in der Nachwahl-Befragung wütend bekundet haben: dass sie den Status quo à la Clinton um jeden Preis aushebeln wollen. Diese Wahl war ein Urschrei, der Trumps unerbittliches Sendungsbewusstsein nur verstärken kann. Er darf sich in ein Mandat hüllen – um den "Sumpf in Washington trockenzulegen", die Mauern hochzuziehen, das Land in eine "Festung Amerika" zu verwandeln.

Trotzdem müssen wir glauben, dass die Verfassung diesem Möchtegern-Mussolini hohe Hürden in den Weg stellt. Diese hält immerhin seit 229 Jahren. Sie hat noch alle Usurpatoren ernüchtert. Wem die Macht zu Kopf steigt, der ist bislang noch immer an der Gewaltenteilung gescheitert.

Auch der Horrorclown Trump? Womöglich ist er doch geschmeidiger, als er tönt. Womöglich gibt er doch nicht den Samson im Tempel. Es bleibt der Welt nichts anderes übrig, als fest daran zu glauben, dass die amerikanische Verfassung auch diese Krise übersteht. Sie hat den Bürgerkrieg überlebt, in dem Amerika mehr Menschen verloren hat als in allen anderen Kriegen zusammen. Noch nie mussten sich Amerika und die Welt so sehr an die Formel klammern, die jede Präsidentenrede beendet: "God bless America."

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