Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Es ist erfrischend, zu sehen, wie zurzeit zwei Parteipräsidenten eine öffentliche Wertedebatte führen: hier der katholische, konservative Humanist und Germanist Gerhard Pfister, dort der katholische Sozialist, Politikwissenschaftler und gute Schachspieler Christian Levrat. Ich will mich nicht in die Diskussion einmischen, als Agnostiker fühl ich mich dazu nicht berufen.

Trotzdem scheint es mir wichtig, dass man endlich wieder über geistige Werte streitet. Sie sind das beste Mittel gegen die Wut der Bürger auf ihre Eliten.

Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden zwei wegweisende und herausragende politische Projekte: die Europäische Union und der Wohlfahrtsstaat. Heute ist die Erstere in Gefahr, weil die Regierungen die Vielfältigkeit des Kontinents vergessen machen wollten und ihn mit ihren one size fits for all- Regeln in den Ruin trieben. Das andere Projekt, jenes einer solidarischen Gesellschaft, hat sich in eine staatlich-zentralistische Lebensversicherung verwandelt. Das ist kein Vorwurf an die Linken, sie haben einfach ihren Worten Taten folgen lassen. An der Nase nehmen müssen sich die sogenannten bürgerlichen Politiker und die Wirtschaftsvertreter. Sie haben ihre eigenen Werte- und Freiheitsbegriffe vergessen und die sozialdemokratischen Vorschläge tel quel übernommen – anstatt den Bürgern eine Alternative zum alles dominierenden Wohlfahrtsstaat anzubieten.

Die europäischen Staaten und Regierungen haben einen Pakt mit ihren Wählern geschlossen: Wir nehmen euch eure Sorgen, und ihr gebt uns eure Stimme. Das unglückselige Credo, der Staat kümmere sich von der Wiege bis zur Bahre, hatte verheerende Folgen: Der Einzelne wurde seiner Verantwortung und seiner Autonomie beraubt, was wiederum auf seinen Arbeitswillen und sein Verantwortungsbewusstsein abfärbte.

Die Eliten glaubten zu wissen, wie man die staatlichen Gelder am besten ausgibt, und die Bürger sollten einsehen, dass die Probleme der heutigen Gesellschaft einen durchschnittlichen Wähler überfordern.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber der Pakt hatte zwei Schwachpunkte: Er war 1. ein rein technokratischer und materialistischer Deal, und 2. gründete er auf keinem geistigen Wertefundament.

Das rächt sich heute. Die europäische Wirtschaft ist im Kriechgang, die Schulden sind unerträglich hoch, die Bürger sorgen sich um ihre Jobs, wenn sie denn überhaupt einen haben, und die Regierungen handeln orientierungslos – sie wirken ohnmächtig.

Die bevormundeten Wähler sind enttäuscht, fühlen sich betrogen und stimmen aus Wut für die Anti-System-Bewegungen. Sie sehnen sich nach richtigen, geistigen Werten und nach Politikern oder Wirtschaftsführern, die in der Lage sind, über solche Fragen zu diskutieren.

Deshalb: Hut ab, die Herren Parteipräsidenten Levrat und Pfister.