Wer kann überhaupt sprechen? Wer sich Gehör verschaffen kann und sichtbar ist, wer auf seine Probleme aufmerksam machen kann, hat immerhin bereits die Sprecherposition erobert und sich ein Stückchen Subjektivität erkämpft. Diese Subjektivität schlägt uns in dem Dokumentarfilm Les Sauteurs entgegen. Seit über einem Jahr lebt der Malier Abou Bakar Sidibé auf einem Hügel in Marokko und dokumentiert mit einer Kamera den Alltag dort. Von der Anhöhe, die von ihren Bewohnern Mount Gurugu genannt wird, kann man den Sehnsuchtsort sehen: Europa. Oder zumindest den äußersten Außenposten der Festung Europa, Melilla, eine der zwei spanischen Exklaven in Marokko. Ziel der afrikanischen Migranten auf dem Hügel ist, die Zäune zu erklettern und ins Gelobte Land zu springen. Normalerweise bleibt diese Reise für uns Europäer stumm und unverständlich (wenn wir überhaupt daran denken).

Doch Sidibé bringt Licht ins Dunkel. Aus der Masse meißelt er scharf gezogene Figuren heraus, Individuen und Persönlichkeiten, vor allem seine eigene. Die Kamera hat er von den zwei Dokumentarfilmemachern Moritz Siebert und Estephan Wagner bekommen, sie haben ihm Geld gegeben, um zu filmen, damit er das Gerät nicht sofort gegen etwas eintauscht, Essen zum Beispiel. Denn das Leben auf dem Hügel ist hart. Ohne Geld oder Arbeit sind die gestrandeten Migranten darauf angewiesen, den Müll ihrer marokkanischen Nachbarn zu durchwühlen. Regelmäßig stürmt die örtliche Polizei das Camp und verbrennt Zelte und gar Nahrung. Doch die Migranten werden ihren Traum nicht aufgeben, das machen sie in ihren Gesprächen deutlich. Mit großer Reflektiertheit sprechen sie vor Sidibés Kamera über die Vor- und Nachteile, in Europa zu leben, über die Krise in Spanien, über die Ausländerfeindlichkeit. Aber selbst bescheidene Träume – ein kleiner Job, ein kleiner Laden – sind in ihren Heimatländern nicht zu verwirklichen.

Manchmal kippen die Gespräche in pubertäre Jungsträume, was noch ergreifender wirkt, denn wer will nicht eine Freundin finden, mit der er die ganze Nacht kuscheln kann? Wenn die Migranten Popmusik hören, wenn sie in Sidibés klaren, ja wunderschönen Bildern Fußball spielen, kochen, die am messerscharfen Zaun erlittenen Verletzungen kurieren oder die Mutter eines gerade verstorbenen Freundes anrufen müssen, erscheinen sie so plastisch, dass man fast erschrickt.

Denn normalerweise spricht man über Migranten, aber nicht mit ihnen. Das "man" oder Subjekt in diesem Satz sind übrigens Sie und ich, wir westlichen, (verhältnismäßig) gut gebildeten und vor allem komplett, das heißt rechtlich, wirtschaftlich, kulturell, politisch, als Subjekte anerkannten Menschen. Das "sie" in dem Satz hingegen ist das Objekt, grammatikalisch wie auch symbolisch. Es sind die Armen, die braunen und schwarzen Körper, die nur als Gruppe wahrgenommen werden, als undifferenzierte Masse. Es sind Körper, vor denen man sich fürchtet, die verteufelt, bemitleidet oder gerettet werden, mit Mineralwasser, Kleidern, die man selbst nicht mehr will, oder sogar mit einem Schlafplatz in der eigenen Wohnung.

Gehasst oder bemitleidet – aktive Subjekte sind Migranten in beiden Fällen nicht. Ob man gegen Flüchtlinge auf die Straße geht oder sich stolz in einer überregionalen Zeitung auf einem Foto zeigt, umringt von namenlosen Flüchtlingen, die man in seiner großen Wohnung leben lässt – wer hier seine Subjektivität beweist, ist nicht der Flüchtling, der nur als anonyme Schiebemasse behandelt wird, sondern die Demonstrantin oder der Willkommen-Sager. In der gerade im Kino laufenden Komödie Willkommen bei den Hartmanns geht es ja, schon der Titel verrät es, um die Hartmanns. Der Flüchtling ist lediglich ein Werkzeug, um die Selbstfindung westlicher Subjekte zu ermöglichen. Einmal mehr ist er Objekt. Diesen Blick kehrt Les Sauteurs um: etwa durch den Sprung von der auf den Grenzzaun montierten Überwachungskamera zu Sidibés Handkamera auf dem Berg.

Die Überwachungskamera sieht eine grau getünchte Welt, in der sich schemenhaft schwarze Silhouetten zu einem langen Marsch nach Melilla aneinanderreihen. Wie Schatten gleiten sie den Zaun hinauf, eine anonyme Masse drückt ihn nieder und walzt auf Europa zu. Die Handkamera hingegen lässt Farbe in dieses Einerlei treten, sie verleiht den Silhouetten Tiefe, Gesichter, Persönlichkeit. Die anonyme Masse zersplittert in Einzelteile. "Wenn ich filme, fühle ich, dass ich existiere", sagt Sidibé einmal, als er über das Filmen selbst reflektiert. Und wie er existiert! Nicht nur als Migrant, auch als Künstler.