"Warum muss ausgerechnet Fatemeh gehen?"

Seit einem halben Jahr hat die Klasse 3B der Grundschule Forsmannstraße in Hamburg-Winterhude eine neue Mitschülerin: Fatemeh Karimi aus Afghanistan. Die Achtjährige habe sich schnell eingelebt, sagt die Klassenlehrerin, Uta Theune. Im Zwischenzeugnis lobt sie Fatemehs Deutschkenntnisse und schließt: "Ich freue mich auf das nächste Schuljahr mit dir." Nur, wird es das geben? Fatemehs Familie soll abgeschoben werden.

Ida: Als Fatemeh zu uns kam, konnte sie echt schon gut Deutsch. Sie hatte eine besondere Aufgabe für ihre Familie: Übersetzerin. Weil sie die Sprache schneller als ihre Eltern gelernt hat.

Caprice: Fatemeh war immer superhilfsbereit. Zum Beispiel wenn jemand verletzt war, hat sie sofort geholfen. So ein freundliches Kind habe ich eigentlich noch nie erlebt.

Ida: Sie ist einfach anders. Sie sagt immer "bitte" und "danke", sie hilft jedem.

Caprice: Ich muss zugeben, seit ich sie kenne, war sie noch nie irgendwie sauer oder gemein.

Fabio: Sie ist sogar nett zu Jungs!

Ida: Ich glaube, Fatemeh ist das erste Flüchtlingsmädchen bei uns an der Schule. Manuel kommt aus England oder Schweden oder so (Anm. d. Red.: Name geändert, Manuel wurde in Singapur geboren, wie die Lehrerin später aufklärt). Aber der konnte schon vorher Deutsch und ist auch nicht geflohen, das ist was anderes.

Lola: Manche von uns zicken manchmal echt rum. Aber Fatemeh singt mir ganz oft schöne Lieder vor in ihrer Sprache, Iranisch, glaube ich. Manchmal auch ein deutsches, Der Sommer ist da, das kannte ich gar nicht.

Fatemeh ist 2008 im Iran geboren, dorthin waren ihre Eltern 1996 aus Afghanistan geflohen. Im Iran leben Afghanen oft als Bürger zweiter Klasse. Als Fatemehs Vater bedroht wurde und vor einem Jahr seine Arbeit verlor, beschloss die Familie abermals zu fliehen, nach Deutschland.

Fatemeh: Das war sehr, sehr, sehr weit. Wir sind nachts gelaufen, weil die Polizei uns dann nicht sehen konnte. Wenn sie uns erwischt hätten, wären wir sofort nach Afghanistan abgeschoben worden. Wir sind ganz leise im Dunkeln über die Grenze. Mein Papa hat mich immer dafür gelobt, wie gut ich schleichen kann.

Ida: Das muss man sich mal vorstellen! Die konnten nachts nie schlafen.

Luisa: Fatemeh wollte es einfach nur nach Deutschland schaffen und nichts anderes.

Elea: Das war ganz schrecklich, glaube ich. Kinder behalten es mehr im Kopf als Erwachsene, wenn sie etwas Schlimmes erleben. Die denken dann dauernd dran. An die Polizisten oder die Bomben.

Fatemeh: Ja, wir sind immer gelaufen, gelaufen. Nicht gegessen, nicht geschlafen. Aber ich versuche, da nicht dran zu denken. Jetzt bin ich hier, und hier ist es gut.

Die Klassenlehrerin erzählt, dass Fatemeh eigentlich in eine sogenannte Auffangklasse für Flüchtlinge sollte, die aber alle voll gewesen seien. Deshalb habe ihre Klasse das Mädchen aufgenommen. Die anderen Kinder hätten sich schnell auf Fatemeh eingestellt, ihr geholfen oder einen Badeanzug fürs Schwimmen geschenkt. Früher, erzählt Teo, hätten sie manchmal auf dem Schulhof "Ballerspiele" gespielt, Räuber und Gendarm. Das sei jetzt vorbei.

Teo: Wir reden auch nicht mehr über solche Sachen wie Krieg. Wir passen jetzt auf, damit Fatemeh nicht traurig wird. Einmal hat einer was über Krieg gesagt, da musste sie weinen.

Caprice: Wir haben sie dann auf Geburtstage eingeladen, zum Beispiel bei Ida.

Ida: Ja, da hat sie auch ein bisschen geweint, das waren aber Freudentränen, glaube ich.

"Ich glaube, die lügen, wenn sie sagen, dass es sicher ist in dem Land"

Innensenator Andy Grote hat in Hamburg Anfang des Jahres die sogenannte Senatoren-Regel aufgehoben, die der parteilose Innensenator Udo Nagel 2005 eingeführt hatte. Die Regel besagte, dass afghanische Flüchtlinge eine Aufenthaltsgenehmigung ohne Einzelfallprüfung bekommen können, weil ihre Heimat als zu unsicher galt. Jetzt sollen auch aus Hamburg Afghanen abgeschoben werden. Die Karimis bekamen Anfang Oktober die Nachricht, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde und die Familie innerhalb von 30 Tagen ausreisen soll.

Caprice: Nach dem Theaterprojekt hat unsere Lehrerin mit uns einen Stuhlkreis gemacht ...

Teo: Das war am letzten Schultag vor den Herbstferien. Wir waren eigentlich in einer richtig coolen Stimmung. Aber dann hat Frau Theune gesagt, wir haben eine schlechte Nachricht, und hat erzählt, dass Fatemeh abgeschoben werden soll.

Ida: Fatemeh hat da geweint, das weiß ich noch.

Fabio: Ich finde, die sollen andere suchen, die nicht so viele Freunde haben, die auch lieber nach Afghanistan gehen wollen und es hier ein bisschen langweilig finden.

Manche der Kinder denken, Fatemehs Familie muss den ganzen Weg nach Afghanistan zurücklaufen. Andere haben schon mal etwas über das Thema Abschiebung gehört.

Caprice: Ich hab das mal in den Kindernachrichten bei Logo gesehen, die werden da mit einer Fähre transportiert, und ganz oft geht die unter ...

Ida: ... aber du erzählst jetzt von der Hin-Flucht. Bei der Rück-Flucht kommen die, glaube ich, in ein Flugzeug. Das wäre ja noch ungerechter, wenn die sagen würden: Tschüss, und ihr müsst übrigens zu Fuß gehen.

Teo:Abschiebung, da wird geguckt, ob es notwendig ist, dass die Flüchtlinge hier bleiben. Die, die nicht richtig in Lebensgefahr sind, werden dann zurückgeschoben.

Lola: Aber Fatemeh hat doch erzählt, dass eine Freundin von ihr nichts mehr sehen kann, weil sie einen Baumstamm ins Auge bekommen hat oder da reingeschossen wurde oder so. Und der Bruder von ihrer Freundin wurde erschossen, und der Onkel hat nur noch ein Bein wegen einer Bombe. Ich glaube, die lügen, wenn sie sagen, dass es da sicher ist in dem Land.

Teo: Ja, ich finde das schockierend, schockierend!

Fabio: Die Familie ist gekommen, weil da Krieg war bei ihr und sie nicht sterben wollte, und sie dachten, hier ist es sicherer.

Die Kinder beschließen, Fatemeh zu helfen.

Caprice: Wir haben dann einen Brief an die Politiker geschrieben, darauf stand: "Fatemeh bleibt hier!!!" Mit drei Ausrufezeichen.

Teo: Den hab ich geschrieben. Ich hab auch geschrieben, dass wir sie alle richtig gerne haben. Wir haben den Brief alle unterschrieben. Und wir haben Fatemeh getröstet. Aber wir waren auch selbst richtig traurig.

Uta Theune schreibt schließlich eine Stellungnahme für den Anwalt der Karimis. Fatemeh sei "fest in die Klassengemeinschaft integriert". Und: "Aus schulischer Sicht hätte Fatemeh mit Sicherheit in Hamburg eine sehr positive Perspektive!" Ob das etwas bringt? Unklar. Zumindest ist die Abschiebung aufgeschoben, weil der Anwalt eine Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht hat.

Ida: Ich finde, die Flüchtlinge dürfen nicht zurück in den Krieg. Die Politiker können es ja auch so machen, dass die nicht wieder nach Afghanistan müssen, sondern in ein Nebenland kommen, nach Frankreich oder so.

Fabio: Oder nach Amerika.

Elea: Oh nee, nicht Amerika, da ist Donald Trump.

"Hier ist doch genug Platz, schauen Sie mal da draußen"

Caprice: Wenn sie zurück in den Krieg müssen, fangen die Flüchtlinge ja auch direkt eine neue Flucht an und kommen zurück nach Hamburg, weil sie gemerkt haben, wie gut es hier ist. Also muss man die Flüchtlinge aufteilen. Frau Merkel will denen ja helfen, aber die kann auch nicht allen helfen.

Fabio: Ja, es sind schon ziemlich viele. Manche müssen in Zelten wohnen, das zeigt es ja.

Caprice: Man sieht jetzt sogar überall auf der Straße die Flüchtlinge.

Ida: Und für die ist das ja auch nicht schön, auf der Straße zu leben.

Caprice: Andererseits, wenn eine deutsche Familie ein Kind dazukriegt, schiebt man das ja auch nicht ab. Warum sollte man das dann bei den Flüchtlingen tun? Ich finde das so unfair, die Menschen denken bloß an sich, und Fatemeh braucht Hilfe. Die hilft allen, aber keiner hilft ihr.

Ida: Wir aber schon! Ich finde, nur Kinder tun was für sie. Die spenden Flüchtlingen zum Beispiel kleine Klamotten.

Elea: Ich würde es nett finden, wenn Menschen, die richtig viel Geld haben, eine Villa an der Elbchaussee oder so, wenn die den Flüchtlingen ein Zimmer geben würden. Fabio, dein Vater hat doch dieses ...

Fabio: Ja, mein Vater hat ein Schloss.

Elea: Und da hat der doch ’ne Wohnung drin.

Fabio: Ja, vier.

Elea: Dann kann er doch in eine ...

Fabio: Nee, fünf sogar!

Elea: ... Fatemeh und ihre Familie stecken.

Fabio: Ja, würde gehen.

Elea: Perfekt. Also erst mal müssen wir gucken, ob wir es so schaffen, dass sie hierbleiben dürfen. Wenn nicht, könnte man das so machen.

Fabio: Also ich muss erst mal meinen Papa fragen, weil das sind ja Fünf-Sterne-Ferienwohnungen.

Elea: Ja, wenn er Geld möchte, zahlen wir halt jeden zweiten Monat 100 Euro oder so.

Teo: Was ich halt nicht verstehe: Warum muss ausgerechnet Fatemeh gehen? Es gibt ja Tausende Flüchtlinge hier. Und wir haben doch so ein Gesetz, dass uns jeder willkommen ist, glaube ich. Da würde ich das Gesetz lieber nicht brechen.

Ida: Aber wir können ja nicht einfach sagen: Nö, Fatemeh bleibt hier. Das können wir nicht entscheiden. Deshalb hoffen wir durch diesen Zeitungsbericht, dass die Regierung das liest und was macht.

Caprice: Ja, das sind ja trotzdem auch normale Menschen, die Zeitung lesen.

Alle Kinder sagen, dass sie wissen, dass sie die Abschiebung möglicherweise nicht verhindern können. Aber sie wollen es zumindest versuchen. Der nächste Schritt für die Karimis ist nun eine mündliche Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht. Besonders gut scheinen die Chancen nicht.

Fatemeh: Wir können nicht in den Iran oder nach Afghanistan zurück, das geht nicht. Da ist es gefährlich für uns.

Caprice: Ich fände es richtig gemein, wenn sie zurückmüsste. Das wäre echt eine Schande.

Luisa: Wenn wir es nicht schaffen, das zu verhindern, werde ich zehn Tage im Bett liegen und heulen. Fatemeh ist eine meiner besten Freundinnen.

Caprice: In dem Land, in Afghanistan, ist noch Krieg. Das wäre lebensgefährlich.

Teo: Ich würde sagen, Afghanistan ist im Verhältnis mit anderen Ländern nicht das allerschlimmste, aber trotzdem viel, viel schlimmer als Deutschland. Die Häuser sind kaputt. Und da sind Menschenfresser, die Taliban, die sich in die Luft sprengen, wenn sie etwas haben wollen, das ihnen niemand gibt.

Caprice: Wissen Sie, wir haben nie ein großes Drama darum gemacht, wenn Kinder aus unserer Klasse gehen mussten, weil sie umgezogen sind. Aber Fatemeh will nicht. Sie hat sich hier jetzt eingewöhnt und ein richtiges Zuhause gefunden.

Ida: Und das schadet ja Hamburg auch nicht, wenn sie einfach hierbleibt. Hier ist doch genug Platz, schauen Sie mal da draußen. Fast alles leer.