Ich erinnere mich gut an die Bewerbung, mit der ich mir die meiste Mühe gegeben habe. Sie ging an eine Zeitung, die kleine, alltägliche Geschichten ganz normaler Leute aufschrieb. Ich hatte meine Bewerbung als einen imaginären Dialog zwischen mir und der Redaktion aufgeschrieben. "Was wollen Sie ausgerechnet bei uns?", fragte sie mich, und ich versuchte zu erklären, dass sie dem Leben dieser Menschen Bedeutung und Würde gab. Ich habe weder davor noch danach so viel Gefühl in eine Bewerbung gelegt; eine Antwort ist nie gekommen.

Es war eine Blindbewerbung gewesen, unverlangt eingesandt. Vermutlich hatte ich kein Recht, eine Reaktion zu erwarten. Es entsprach bloß meinem Bild von diesem Betrieb, der behutsam mit Menschen umzugehen schien.

Ich hatte vorher wenig Erfahrung im Anbieten meiner Person gesammelt. Ich habe in der Schule keine Liebesbriefe verschickt, "Ich finde Dich toll. Willst Du mit mir gehen?" Ich habe nicht mal beim Basketballunterricht anbietend meine Arme gehoben und "Ich bin frei" gerufen. Wahrscheinlich drückte ich mich so um die demütigende Erfahrung, abgewiesen oder einfach ignoriert zu werden. Aber man kann ihr nicht ewig aus dem Weg gehen. Früher oder später heben wir alle unsere Hand.

Die meisten von uns tragen ihre Arbeitskraft regelmäßig zu Markte. "Wer will mich haben?", rufen wir in den leeren Raum und hoffen auf ein Echo. Manchmal kommt es – häufig nicht. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Bewerbungen unbeantwortet bleiben. Bekannt ist aber, dass die meisten Arbeitsuchenden mit der Rückmeldung der Firmen unzufrieden sind. In einer Umfrage klagen drei Viertel von ihnen darüber, dass gar keine Antwort kommt oder aber sehr spät und so vage, dass sie die Gründe für die Ablehnung nicht verstehen.

Nehmt es sportlich, könnte man sagen. Ihr habt fünf Pfeile im Köcher, viermal zielt ihr daneben, beim fünften Mal kommt der Treffer. Aber seinen Lebensunterhalt zu sichern ist für die meisten nun mal kein Sport. In einer Bewerbung legt man sich bloß – sein Gesicht, sein Leben, seine Hoffnung und seine Bedürftigkeit. Mit alldem für untauglich befunden zu werden, das ist bitter genug. Aber gar keine Reaktion, das ist, als sagte man "Guten Tag, hier bin ich" in einen Raum voller Menschen, und niemand hielte es für nötig, zu antworten.

Das Schweigen der Arbeitgeber ist schlüssig in Zeiten, in denen die Effizienzschamanen jeden Handgriff auf sein Gewinnversprechen hin vermessen. Warum jemandem antworten, an dem man kein Interesse hat? Eine Personalverantwortliche, ihre Berufsbezeichnung ist natürlich flotter, Head of People, erzählte mir, dass viele Firmen an den Personalabteilungen sparen, weil diese nichts erwirtschaften. Da fehlten dann die Leute, um jede Bewerbung zu bearbeiten.

Allen Unternehmen sei klar, dass sie ihrem Ruf schaden und schlechte Bewertungen in den entsprechenden Portalen riskieren, wenn sie Bewerber unnötig vergraulen. Aber letztlich, erklärte mir die Personalfrau, gälten auch die Regeln von Angebot und Nachfrage. Ihre Firma sei auf der Suche nach umworbenen Leuten; mit denen müsse man gut umgehen. Andere Firmen, die mit Angeboten überhäuft würden, könnten sich mehr Nonchalance leisten. Natürlich könne man die Frage, wie man mit Bewerbern umgehe, moralisch auffassen, sagte die Personalerin, aber mit der gleichen Berechtigung auch rein pragmatisch.

Es gab eine Zeit, in der ich einige Absagen und viel Schweigen kassierte, weil ich versuchte, Kurzgeschichten an den Mann zu bringen. Niemand wollte sie haben, und ich bekam in regelmäßiger Folge zwei, drei dürre Sätze auf schönen Briefbögen: Man sehe sich leider nicht in der Lage, sie zu veröffentlichen, und verbleibe mit freundlichen Grüßen.

Das brachte mich auf die Idee, gemeinsam mit einem Freund ein Absagebuch herauszugeben, eine Sammlung mit besonders drastischen oder komischen Beispielen. Das Thema fanden alle gut, es gab sogar einen Agenten, der unser Manuskript verkaufen wollte. Vermutlich ahnte er einen kathartischen Effekt: Über die Absagen anderer zu lachen wappnet für die nächste, die man selbst kassiert.

"Tut nicht so, als wäre ich Luft"

Also fragten wir unsere Bekannten nach entsprechenden Briefen, wir gaben sogar eine Kleinanzeige auf. Aber niemand hatte etwas Geeignetes, nichts, was über das übliche "Wir haben uns leider für jemand anderen entschieden" hinausgegangen wäre. In allen Branchen wurden die gleichen Floskeln verwendet. Nicht ein Schreiber hatte sich bemüht, persönliche Worte zu finden. Nur nicht riskieren, dass man sich angreifbar macht. Es könnte ja jemand nachsetzen oder eine begründete Absage als Grundlage für eine Klage wegen Benachteiligung nutzen.

Das Buch konnte nie erscheinen, und inzwischen bin ich klüger. Es ist das eine, der Trillion bereits existierender Kurzgeschichten ungebeten ein Dutzend eigene hinzuzufügen und dann nicht mit einem Donnerhall von Begeisterung empfangen zu werden. Es ist etwas völlig anderes, sich über Jahre hinweg um eine Arbeitsstelle zu bewerben und entweder Absagen oder gar keine Reaktion zu bekommen.

Meine Schwester ist Botanikerin und sucht seit Jahren eine Stelle. Sie hat vier Kinder, was die Suche nicht einfacher macht. Inzwischen hat sie ein Aufbaustudium absolviert, um arbeitsmarkttauglicher zu sein. Meine Schwester jammert nicht, sie macht Bewerbungstrainings, sie sucht neue Ausschreibungen, kassiert neue Absagen oder neuerliches Schweigen. Es passiert inzwischen häufiger, dass sie mir erst nach Wochen von einer Absage erzählt, weil sie früher schlicht nicht in der Lage dazu ist. Ich weiß nicht, woher sie die Kraft nimmt, sich immer wieder zu bewerben. Ich hätte sie nicht. Alles, was ich habe, ist Zorn auf die Ignoranz, mit der man ihre Suche aufnimmt.

Es ist bitter, wenn Verbindlichkeit etwas ist, was sich eine Gesellschaft aufspart für die Erfolgreichen.

Es ist bitter, wenn Verbindlichkeit etwas ist, was sich eine Gesellschaft aufspart für die Erfolgreichen. Es ist bitter, wenn man sieht, welche Narben diese Mentalität in diesem kleinen, klar zu vermessenden Bereich der Bewerbungen schlägt – und das ohne Not. Unverbindlichkeit macht Menschen buchstäblich krank. Man hat herausgefunden, dass Flüchtlinge, die lange auf ihre Aufenthaltserlaubnis warten, häufiger depressiv werden, dass alte Menschen, die nicht wissen, wann jemand sie in ihrem Seniorenheim besuchen wird, früher sterben. Die Sorgen eines zermürbten Bewerbers mögen daneben gering sein. Aber sie wären auch so viel leichter aus der Welt zu schaffen. Man muss nur antworten.

Meine Schwester und ich haben ähnliche Stimmen. Ich habe einmal – ohne ihr Wissen und ja, es war übergriffig, aber sie hat es mir nicht übel genommen – bei einer Firma angerufen, die sie abgelehnt hatte, obwohl die Stelle wie gemacht für sie schien. Zu meiner Überraschung gab mir der Personalmensch tatsächlich Auskunft: Nein, es habe nicht an den vier Kindern gelegen. Es habe einen Bewerber aus der Firma gegeben, der den Umweltplan aufgestellt hatte, den es nun umzusetzen galt; von daher habe er den Zuschlag bekommen.

Weder davor noch danach hat meine Schwester eine so klare Antwort erhalten. Die Personalfrau, mit der ich sprach, sagte, dass in ihrem Unternehmen mit 10 bis 15 Bewerbungen pro Tag der Aufwand zu antworten überschaubar sei. Und auch große Konzerne könnten mehr tun als schweigen. Die Personalerin sagt, es gebe da "charmante Lösungen": vorgefertigte Antworttexte, die leicht abzuwandeln sind, und ein System, das dafür sorgt, dass niemand vergessen wird.

Das sollte für Firmen nicht nur eine Frage des Stils, sondern auch des Nutzens sein. Vielleicht kann der abgelehnte Bewerber ja nachholen, was ihm noch fehlt. Jammern Chefs nicht immer, es sei so schwer, den Richtigen zu finden?

Manchmal, wenn die Stelle besonders interessant ist oder das Vorstellungsgespräch mit "Ich möchte Sie in meinem Team haben" endete, fragt mich meine Schwester, ob sie bei der Firma nachhaken sollte. Das Nachhaken erfordert Kraft, weil sie dann ohnehin nicht mehr daran glaubt, die Stelle bekommen zu können. Es ist eher dem Pflichtgefühl geschuldet, alles versucht zu haben. Also ruft sie irgendwelche Vorzimmer an, die von nichts wissen oder Rückrufe in Aussicht stellen, die nicht kommen. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihr überhaupt dazu raten soll. Wenn überhaupt, dann deshalb, weil darin ein Aufbegehren liegt, ein Ruf nach Verbindlichkeit: "Ich will den Ball, es gibt mich. Tut nicht so, als wäre ich Luft."

Über das Elend der Bewerbungen wird wenig gesprochen. Die wortkargen Zurückweisungen verschließen auch ihren Empfängern den Mund.

Über das Elend der Bewerbungen wird wenig gesprochen. Die wortkargen Zurückweisungen verschließen auch ihren Empfängern den Mund. Viele glauben wohl irgendwann selbst, ihr Bemühen um Arbeit sei eine Anmaßung, die man am besten mit Schweigen übergeht. Wenige erheben sich öffentlich dagegen: Ein Freund erzählte mir von einem Mann, der eine Formabsage auf eine Formabsage ins Internet stellte. Er könne die Absage nicht akzeptieren, schrieb er, er habe schon zu viele erhalten, und sie entspreche nicht seinen Bedürfnissen.

Ich wiederum möchte das deutsche Verlagswesen wissen lassen, dass meine Geschichten nicht mehr zu haben sind; ein namibischer Kleinverlag besitzt nun die Rechte. Wer aber eine Stelle für eine extrem gute Botanikerin mit Expertise für nachwachsende Rohstoffe hat, soll sich bei mir melden. Ich antworte garantiert.

Sagt wenigstens Nein!