Warum fehlt den Universitäten die visionäre Idee? Ein Gespräch mit dem DFG-Präsidenten Peter Strohschneider

DIE ZEIT: Die Universitäten arbeiten derzeit fieberhaft an den Anträgen für die nächste Runde der Exzellenzinitiative; gerade konzipieren sie große Forschungsprojekte, sogenannte Cluster, später bewerben sie sich um den Status als "Elite-Uni". Als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft organisieren Sie das Verfahren – und haben sich viele Wochen lang nicht geäußert. Warum reden Sie jetzt?

Peter Strohschneider: Wir befinden uns in einer spektakulären Situation: Weltweit schrumpfen die Budgets für Wissenschaft, und es sind Strömungen auf dem Vormarsch, die Züge von Wissenschaftsfeindlichkeit haben, denken Sie an den Brexit oder die Wahl von Donald Trump. Doch in Deutschland beschreiten wir einen Sonderweg: Der Staat gibt allein für die Exzellenzstrategie in den kommenden zehn Jahren über 5,3 Milliarden Euro aus. Das ist zusätzliches Geld, und es wird nicht nach thematischen oder politischen Vorgaben, sondern nach einem wissenschaftsgeleiteten Verfahren vergeben. Wir erwarten mehrere Hundert Antragsskizzen für "Exzellenzcluster", die im April vorliegen müssen. Das sollten die Universitäten als eine große Chance begreifen, um sich zu fragen: Was ist meine Universität? Wie sollte sie sein? Sollte es dazwischen eine Differenz geben, könnten die Universitäten die Exzellenzstrategie dazu nutzen, sie auszugleichen. Doch diese große Debatte findet so nicht statt.

ZEIT: Was erleben Sie stattdessen?

Strohschneider: Kürzlich haben sich DFG und Wissenschaftsrat mit Universitätsleitungen sowie Vertretern der Länder getroffen. Diese Informationsveranstaltungen hatten ein sehr hohes technisches Niveau. Das ging bis zu der Frage, mit welchen Schriftgrößen und Zeilenabständen die Anträge geschrieben werden sollen. Auch um solche Fragen kann es in Infoveranstaltungen ja gehen. Aber wenn es dabei bliebe, hielte ich es für zu wenig.

ZEIT: Anders gesagt: Dass Unis über Schriftgrößen statt Visionen reden, finden Sie grässlich?

Strohschneider: Nicht "grässlich". Verwaltungsverachtung liegt mir fern; gute Verwaltung muss sein. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft gibt drei Milliarden Euro im Jahr aus, da ist es unser genuines Interesse, dass es dabei sorgfältig und fair zugeht. Und doch sollten Fragen zur Entwicklung von Forschung und Lehre und der Profilierung von Universitäten nicht verdrängt werden durch Technikalien.

ZEIT: Warum ist Ihre Sorge so groß?

Strohschneider: Unis können Forschungsfragen verhandeln, und sie können Möglichkeitsbedingungen von Forschung verhandeln. Beides ist nur lose miteinander gekoppelt: Es gibt super Bedingungen, unter denen schlecht geforscht wird, und schlechte Bedingungen, unter denen glänzende Forschung stattfindet. Selbstverständlich lohnt es sich, Sorgfalt auf die institutionelle Entwicklung zu legen. Doch es wäre ein Fehler, dies schon für alles zu halten. Es ist ein Problem, wenn formale gegenüber inhaltlichen Fragen in den Vordergrund rücken.

ZEIT: Wie erklären Sie es sich, dass Universitätsleitungen eher über die Trivialitäten der Organisation reden als über die großen Entwicklungen?

Strohschneider: Die deutschen Universitäten haben ein relativ schwaches konzeptionelles Selbstbewusstsein. Wenn Sie mich nun zu einer Hypothese über die Gründe verleiten, würde ich sagen: Es spielen noch immer auch die Katastrophen der jüngeren deutschen Geschichte eine Rolle. Man kann nicht zweimal in fünfzig Jahren die Welt in Brand stecken und dann meinen, das habe nach zwei Generationen keine Folgen mehr. In den USA dagegen können Sie an jeder besseren Universität, selbst wenn sie nur 60 Jahre alt ist, einen pathetischen Diskurs über die Funktion der Universität erleben.

ZEIT: Die Exzellenzinitiative hat in den vergangenen zehn Jahren mit relativ wenig Geld vieles in Bewegung gesetzt, auch ohne dass die Unis eine Dauerdebatte über ihr Selbstverständnis führen.

Strohschneider: Ich hatte 2006 die Erwartung, die Exzellenzinitiative könne bewirken, dass die Universität neu gedacht wird. Das war vielleicht etwas naiv. Allerdings hat die Exzellenzinitiative die institutionelle Strategiefähigkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl an den Universitäten sehr gestärkt: Früher begegneten sich gelegentlich die Dekane in den Senaten, heute sitzen Molekularbiologen, Philosophen und Physiker regelmäßig an einem Tisch und planen gemeinsam Forschung.